DIE MACHT DES HEILIGEN

Über das Heilige, Heiligkeit und Heiligung in einem säkularen Zeitalter

Wo begegnen wir dem Heiligen in einer entzauberten Welt? Welche Bedeutung haben heilige Räume und Zeiten und die Kirche in einem säkularen Zeitalter? Die Freiburger Studientage zur theologischen und gesellschaftlichen Erneuerung vom 13.-15. Juni erkundeten fruchtbare Wege der Erneuerung.

Die diesjährigen Studientage nahmen das Thema «Die Macht des Heiligen» in Angriff. Während mit dem Heiligen charakteristischerweise Gott bezeichnet wird, ruft der Apostel Paulus die Gläubigen immer wieder dazu auf, dem Heiligen zu entsprechen, in ihrem Lebenswandel selbst «Heilige» zu werden. Ja, sie sind bereits jetzt «Heilige» aus Gnade. Was bedeutet Heiligkeit heute – d.h. in einer Welt, die durch einen Drang zu Selbstbestimmung, Weltverfügbarkeit und Fortschritt geprägt ist? Über 300 Personen nahmen an der Tagung teil und eine Delegation der Communauté de Taizé gestaltete Gebetszeiten am Morgen, Mittag und Abend.

Soziologie und Theologie im Gespräch
Bei manchen Europäern stösst schon nur die Rede über den christlichen Glauben auf Widerwillen. Der anhaltende Glaubensverlust sticht ins Auge. In anderen Erdteilen bewirkt die gesellschaftliche Modernisierung aber Gegenteiliges! Insgesamt wächst das Christentum. Das heisst: Die These von der zwangsläufigen, beinahe automatisch ablaufenden Säkularisierung, stimmt global nicht. Der in Berlin und Chicago lehrende Soziologe Hans Joas, Hauptreferent der Studientage, zeigte die bleibende Relevanz des Heiligen und bestritt, dass der wissenschaftliche Fortschritt an sich zum Glaubensverlust führe. Den Wandel treiben vielmehr gesellschaftliche Prozesse, die weder notwendig noch unveränderlich seien.

Joas arbeitet sich an dem von Max Weber geprägten Begriff der «Entzauberung» ab. Dagegen stellte er seinen eigenen Ansatz vor: Heiligkeitserfahrungen sind urmenschliche Erfahrungen, die jeder Mensch macht. Überall dort, wo Menschen über sich selbst hinausgerissen werden, zunächst beispielsweise, wenn sie sich verlieben, dann aber auch im engeren Sinne durch Erfahrungen mit Gott (wobei hier der Bereich der Soziologie verlassen und derjenige der Theologie betreten wird).

Diskurs auf der Höhe der Zeit
Joas meisterte es auch in einem säkularen Umfeld vom «Heiligen» auf eine Weise zu reden, die auch für Christenmenschen anschlussfähig ist. Gleichzeitig nahm der katholische Religionssoziologe auch die staatliche Ebene kritisch in den Blick: Jede Macht versucht sich durch Sakralität zu legitimieren. Wo sich Macht und Glaube, Staatliches und Kirchliches zu stark vermengen, droht der Missbrauch. Es braucht ein differenzierteres Bild, das der Vielfalt religiöser Erfahrung gerecht wird.

Der heilige Gott und die zur Heiligkeit berufenen
Begleitende Vorträge vertieften gewisse Aspekte und bereicherten das Bild vom Heiligen. Matthias Zeindler machte protestantische Perspektiven auf den Heiligen Gott stark, die gegen dessen Vereinnahmung und Verharmlosung stehen. Silvianne Aspray betonte die Möglichkeit der Christenmenschen in ihrem konkreten Leben, die Heiligkeit Gottes zu spiegeln und Mitarbeiter Christi zu werden.

Heilige und Ketzer
Kernig schilderte der Kirchenhistoriker Gregor Emmeneger den Weg des Entlebucher Bauern Jakob Schmidli, Gründer eines pietistisch angehauchten aber doch katholischen (!) Bibelkreises, der aus politischen Gründen 1747 öffentlich stranguliert und verbrannt wurde. «Der letzte Ketzer», ein Dokumentarfilm des Zentrums Glaube & Gesellschaft, wurde am Vorabend als Vorpremiere gezeigt. «Heilige, als Abbilder Christi, sind unerlässliche Vorbilder», hob Emmenegger hervor. Ralph Kunz zeigte, warum sich der Heilige Gott auch in einem «unorganisierten Haufen» den Menschen schenken könne. Er redete von einer unperfekten Gemeinschaft der Heiligen: «Heilige sind berufen, im Zerbrechen ihrer Scheinheiligkeit wirklich heiliger zu werden.»

Zu Erschütterten reden
Im Reichtum der vorgetragenen Gedanken, der thematischen Vielschichtigkeit sowie in tiefgreifenden Gebetszeiten und einem ökumenischen Gottesdienst knüpften die 8. Studientage an die Vor-Corona-Zeit an. In einer der 16 Break-Out Sessions wurde die Sprachlosigkeit der Kirchen in der Pandemie besprochen. Der Fundamentaltheologe Joachim Negel monierte, wie stumm und ratlos die Kirchen in dieser Zeit waren. Wie reden wir mit erschütterten Menschen, die lange Zeit in der «flachen Diesseitigkeit» gelebt haben? Hätte nicht das Evangelium genau ihnen eine frohe Botschaft zu vermitteln? Anregung boten die Tage, indem sie Fragen aufwarfen und Mut machten, selber zu denken und mehr zu beten.

Hans Joas - Säkularisierung und Entzauberung: Forschungsergebnis oder Mythos der Moderne?

Der erste Vortrag von Hans Joas an den 8. Studientagen zur theologischen und gesellschaftlichen Erneuerung in Fribourg, Schweiz.

Bildergalerie Studientage 2022
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Die 8. Studientage mit Hans Joas sowie Brüdern aus Taizé, Silvianne Aspray, Gregor Emmenegger, Carmody Grey, Ralph Kunz, Joachim Negel und vielen weiteren Referentinnen und Referenten.