Kinderlosigkeit – Qual oder Wahl?
UE-L26.00162

Teacher(s): Kilde Gisela, Ludi Regula
Level: Master
Type of lesson: Seminar
ECTS: 3
Language(s): German
Semester(s): SA-2021

Mitte der 2010er-Jahre entfesselte der Hashtag #regrettingmotherhood weltweit einen Empörungssturm. Angeregt durch das gleichnamige Buch der israelischen Soziologin Orna Donath gestanden hunderte Frauen, den Entscheid zur Mutterschaft zu bereuen. Ihr Bekenntnis löste heftige mediale Reaktionen aus. Kritiker bezichtigten die Bekenner:innen des Kindsmissbrauchs, erschöpfte Mütter hingegen drückten ihre Erleichterung aus, endlich über lange uneingestandene Gefühle sprechen zu dürfen. Eines war indessen klar: Die Bekenntnisse waren ein Tabubruch. Sie verstiessen gegen die Erwartungsnorm, dass Mutterschaft die grösste Erfüllung im Leben einer Frau sei. Und die Reaktionen zeigten, dass Kinderlosigkeit in modernen Gesellschaften eine Abnormität ist. Kinderlose gelten als egoistisch und unsozial, Frauen ohne Kinder werden bemitleidet und der Antinatalismus steht im Ruf der Misanthropie.

Der Verzicht auf eigene Kinder ist begründungsbedürftig, der Entscheid für Kinder dagegen nicht. Ein unerfüllter Kinderwunsch findet Anteilnahme und gesellschaftliche Solidarität. Bei unfreiwilliger Kinderlosigkeit bietet die Reproduktionsmedizin heterosexuellen Paaren ein breites Therapieangebot. Umgekehrt wird der Verzicht auf Nachkommenschaft nicht als legitimer Wunsch anerkannt. Sterilisationswillige müssen hohe Hürden überwinden, und Frauen, die eine Schwangerschaft unterbrechen wollen, sind noch immer an die ärztliche Beratungspflicht gebunden. Nicht nur kulturell, sondern auch rechtlich und institutionell werden Kinderwunsch und Kinderverzicht ganz unterschiedlich behandelt.

Das Seminar thematisiert den Verzicht auf Kinder bzw. Kinderlosigkeit aus einer interdisziplinären Perspektive: Was impliziert der freiwillige Verzicht auf Kinder? Weshalb ist er so kontrovers? Gibt es umgekehrt ein Recht auf Kinder? Wenn ja, wer kann ein solches für sich beanspruchen? Welche familienrechtlichen Probleme ergeben sich aus neuen gesellschaftlich tolerierten (und gesetzlich anerkannten) Familienarrangements und wie könnten diese Probleme gelöst werden?