Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Eusebius von Cäsarea († um 340) - Kirchengeschichte (Historia Ecclesiastica)
Siebtes Buch

30. Kap. Die berühmten Kirchenlehrer unserer Zeit, und welche aus ihnen bis zur Zerstörung der Kirchen lebten.

30. Die versammelten Hirten verfaßten nach gemeinsamem Beschlüsse einen Brief an Dionysius, den Bischof von Rom, und Maximus, den Bischof von Alexandrien, und sandten ihn an alle Provinzen. Sie geben darin aller Welt Kenntnis von ihrer Tätigkeit und erstatten Bericht über die verkehrte und falsche Lehre des Paulus, über die Beweise, die sie geführt, und die Fragen, die sie an ihn gerichtet, und über das ganze Leben und den Charakter des Mannes. Es dürfte sich empfehlen, daraus die folgenden Worte für die Nachwelt hier anzuführen. „Dem Dionysius und Maximus und allen unseren Gehilfen auf dem Erdkreise, den Bischöfen und Priestern und Diakonen, und der ganzen katholischen Kirche unter dem Himmel, den geliebten Brüdern, wünschen Helenus, Hymenäus, Theophilus, Theoteknus, Ma- [S. 357] ximus, Proklus, Nikomas, Älianus, Paulus, Bolanus, Protogenus, Hierax, Eutychius, Theodor, Malchion, Lucius und alle die übrigen, die mit uns in den benachbarten Städten und Provinzen wohnen, Bischöfe, Priester und Diakonen, und die Kirchen Gottes Freude im Herrn.“ Kurz hernach fahren sie also fort: „Wir schickten Einladungsschreiben auch an viele fernwohnende Bischöfe, daß sie kämen und heilend Hand anlegten an die todbringende Lehre, so auch an Dionysius von Alexandrien und Firmilianus aus Kappadozien, beide seligen Andenkens. Der erstere richtete ein Schreiben nach Antiochien, wobei er aber den Urheber des Irrtums weder des Grußes würdigte noch das Schriftstück an seine Person, sondern an die Gesamtgemeinde schickte. Eine Abschrift davon legen wir bei, Firmilianus dagegen, der sich zweimal eingefunden, verurteilte seine Neuerung, wie wir, die dabei waren, wissen und bezeugen, und mit uns viele andere. Da aber Paulus Umkehr versprach, beschied er sich damit im Glauben und in der Hoffnung, daß nun die Sache ohne Lästerung gegen das Wort in Ordnung käme. Doch war er von dem, der auch seinen Herrn und Gott verleugnete und den Glauben, den er dereinst hatte, nicht bewahrte, getäuscht worden. Und so wollte Firmilianus, nachdem er seine gottesleugnerische Bosheit inne geworden, abermals nach Antiochien kommen und hatte bereits Tarsus erreicht. Allein während wir schon versammelt waren und nach ihm riefen und auf sein Erscheinen warteten, ereilte ihn der Tod.“ Kurz hernach schildern sie die Lebensführung des Paulus also: „Da er von der Glaubensregel abgefallen und zu falschen und unechten Lehren übergegangen, so steht er außerhalb (der Kirche), und ist es nicht unsere Pflicht, über seine Handlungen ein Urteil zu fällen noch darüber, daß er, der früher arm und unbemittelt war und weder von den Vätern ein Vermögen ererbt noch sich durch ein Handwerk oder irgendwelche Beschäftigung etwas erworben, nunmehr [S. 358] zu übermäßigem Reichtum gelangt ist durch gesetzwidrige Taten und Kirchenraub und gewaltsame Forderungen gegenüber den Brüdern. Denen, die Unrecht erlitten, spielt er sich als Anwalt auf und verspricht gegen Bezahlung Hilfe. Aber er belügt sie und zieht, ohne etwas zu erreichen, Nutzen aus der Bereitwilligkeit der Leute, die, in Prozesse verwickelt, gerne geben, um ihrer Dränger los zu werden, Gottseligkeit für einen Erwerb erachtend.1 Auch brauchen wir nicht darüber zu urteilen, daß er nach Hohem trachtet und aufgeblasen ist, weltliche Ehrenstellen bekleidet und lieber Ducenarius sich nennen läßt als Bischof, stolz auf den Marktplätzen einherschreitet, öffentlich im Gehen Briefe liest und diktiert, von zahlreichem Gefolge umgeben, das ihm teils vorangeht, teils nachfolgt, so daß unser Glaube wegen seines Dünkels und Hochmuts scheel angesehen und gehaßt wird. Nicht über seine Gaukeleien auf kirchlichen Versammlungen, die er, nach Ehren haschend und in eitlem Drange, ausklügelt und damit die Gemüter argloser Leute in Staunen setzt. So ließ er für sich im Gegensatze zum Jünger Christi eine Tribüne und einen hohen Thron errichten. Auch hat er ein ‚Sekretum’ wie die weltlichen Fürsten, mit diesem Ausdruck es benennend.2 Er schlägt mit der Hand an den Schenkel und stampft mit den Füßen auf die Tribüne. Und diejenigen, die ihm nicht Beifall spenden und mit Tüchern zuwinken wie in den Theatern, nicht lärmen und aufspringen gleich seinem in solch ungebührlicher Weise ihm zuhörenden männlichen und weiblichen Anhange, welche vielmehr, wie es sich im Hause Gottes geziemt, in Würde und Ordnung lauschen, tadelt und beschimpft er. Über bereits verstorbene Erklärer des (göttlichen) Wortes höhnt er in abstoßender Weise bei öffentlicher Versammlung, während er sich selbst in einer Weise überhebt, als wäre er nicht Bischof, son- [S. 359] dern Sophist und Marktschreier. Die Psalmen auf unseren Herrn Jesus Christus verbot er, weil sie zu neu und erst von neueren Dichtern verfaßt wären, läßt auf sich selbst aber durch Frauen inmitten der Kirche am großen Ostertage Lieder singen, bei deren Anhören man sich entsetzen möchte. Ein solches Gebaren duldet er auch bei den ihm schmeichelnden Bischöfen und Priestern der benachbarten Dörfer und Städte in deren Reden vor dem Volke. Während er nämlich nicht mit uns bekennen will, daß der Sohn Gottes vom Himmel herabgekommen ist — um etwas von dem, was schriftlich dargelegt werden soll, vorwegzunehmen; und das wird keine leere Behauptung sein, sondern erhellt aus vielen Stellen in den Akten, die wir absandten, nicht zuletzt aus seinem Worte ‚Christus ist von unten’ —, sagen die, welche Lieder auf ihn singen und vor dem Volke ihn verherrlichen, ihr gottloser Lehrer sei als Engel vom Himmel herabgekommen. Und der eitle Mann verhindert solche Reden nicht, ist vielmehr zugegen, wenn sie gesprochen werden. Was die Syneisakten anlangt, wie sie die Antiochener nennen, seine eigenen wie die seiner Priester und Diakonen, mit denen er trotz Wissen und Kenntnis über diese und die andern unheilbaren Sünden hinwegsieht, damit sie ihm verpflichtet wären und in Furcht um die eigene Person nicht wagten, ihn wegen seiner ungerechten Worte und Taten zu verklagen — ja er hat sie sogar bereichert, weswegen er von ihnen, die von gleichem Verlangen beseelt sind, geliebt und bewundert wird —, was sollen wir darüber schreiben? Wir wissen, Geliebte, daß der Bischof und die gesamte Priesterschaft dem Volke Vorbild in allen guten Werken sein sollen. Und wir wissen auch das, wie viele durch Syneisakten gefallen oder in Verdacht gekommen sind. Mag man dem Paulus auch zugestehen, daß er nichts Schändliches begehe, so müßte er doch den Verdacht fliehen, der aus solchem Tun erwächst, um niemandem Ärgernis zu geben und niemanden zur Nachahmung anzuregen. [S. 360] Denn wie könnte der einen andern tadeln und verwarnen, daß er fürderhin mit keinem Weibe mehr zusammenkomme, damit er nicht falle, wie die Schrift sagt,3 der wohl eine Frau entlassen, dafür aber zwei blühende und wohlgestalte Frauen bei sich hat und sie auch auf Reisen mitführt in Schwelgen und Völlerei?4 Alle trauern und seufzen zwar darob in ihrem Innern, aber sie fürchten seine Herrschaft und Macht so sehr, daß sie es nicht wagen, ihn anzuklagen. Man müßte darüber, wie wir oben sagten, einen Mann, der katholisch dächte und in unsern Reihen stünde, zur Rede stellen, aber von dem, der das Geheimnis preisgegeben und mit der schmutzigen Häresie des Artemas prahlt — warum sollte ich nicht endlich seinen Vater nennen? —, Rechenschaft zu fordern, halten wir nicht für unsere Pflicht.“ Am Schlüsse des Schreibens fügen sie noch folgendes bei; „Wir haben uns also genötigt gesehen, Paulus, da er sich hartnäckig Gott widersetzt, auszuschließen und an seiner Stelle mit Gottes Fügung, wie wir überzeugt sind, der katholischen Kirche einen anderen Bischof zu geben, nämlich Domnus, den Sohn des seligen Demetrianus, welcher vor jenem derselben Gemeinde mit Ehren vorgestanden. Domnus ist mit allen einen Bischof zierenden Gaben ausgestattet. Wir teilen euch dies mit, damit ihr an ihn schreibet und von ihm den Gemeinschaftsbrief5 erhaltet, Paulus aber mag an Artemas schreiben, und die Jünger des Artemas mögen mit ihm Gemeinschaft halten.“6 Als so Paulus zugleich mit dem wahren Glauben die [S. 361] bischöfliche Würde verloren hatte, übernahm, wie gesagt, Domnus den Dienst an der Kirche in Antiochien. Doch da Paulus um keinen Preis das Haus der Kirche räumen wollte, wandte man sich an Kaiser Aurelianus, der durchaus billig in der Sache entschied, indem er befahl, denjenigen das Haus zu übergeben, mit welchen die christlichen Bischöfe Italiens und Roms in schriftlichem Verkehre stünden. Somit wurde der erwähnte Mann zu seiner größten Schande von der weltlichen Macht aus der Kirche vertrieben. So stellte sich um jene Zeit Aurelianus zu uns. Doch im weiteren Verlaufe seiner Regierung änderte er seine Gesinnung gegen uns und ließ sich jetzt durch gewisse Berater zu einer Verfolgung gegen uns bewegen. Allenthalben wurde viel darüber gesprochen. Als er aber eben im Begriffe war, wie man fast sagen konnte, die Unterschrift unter das gegen uns gerichtete Dekret zu setzen, griff die göttliche Gerechtigkeit ein und faßte ihn sozusagen am Arme und hielt ihn von seinem Vorhaben zurück, allen deutlich zu erkennen gebend, daß die weltlichen Fürsten niemals Gewalt wider die Kirchen Christi haben, es sei denn, daß es die sie schützende Hand gemäß göttlichem und himmlischem Urteile um der Züchtigung und Besserung willen zu den von ihr bestimmten Zeiten zuläßt.Nachdem Aurelianus sechs Jahre regiert hatte, folgte ihm Probus und diesem nach fast der gleichen Regierungszeit Karus mit seinen Söhnen Karinus und Numerianus. Auch diese herrschten keine vollen drei Jahre, als die Regierung auf Diokletian und seine Mitregenten überging. Unter diesen fand die Verfolgung statt, die wir miterlebt, und die damit verbundene Zerstörung der Kirchen. [S. 362] Kurz zuvor war auf den römischen Bischof Dionysius, der neun Jahre die Regierung innegehabt, Felix gefolgt.

1: Vgl. 1 Tim, 6, 5.
2: Sekretum war ein innerer Raum des Prätoriums, wo die Richter rechtsprachen.
3: Sirach 9, 8 f.
4: Alb. Houtin, „Courte histoire du célibat ecclésiastique“ (Paris 1929) 51 f.
5: Solche Briefe (γράμματα κοινωνικά) wurden von den neuernannten Bischöfen an die übrigen Bischöfe geschrieben, um den Amtsantritt mitzuteilen und um Gemeinschaft zu bitten.
6: Eine neue Sammlung und Erklärung der Bruchstücke des Paulus von Samosata und des Rundschreibens gegen ihn gibt H. J. Lawler in Journal of Theological Studies 19 (1917/18) S. 20 ff., 115 ff. — G. Bardy, Paul de Samosate. Nouv. ed. entièrement refondue (1929). — Die erwähnte Synode zu Antiochien wandte sich auch gegen Paulus, weil er zur Bezeichnung des Verhältnisses zwischen Vater und Sohn sich des Ausdruckes ὁμοούσιος bedient hatte. Vgl. P. Pape, „Die Synoden von Antiochien 264—269“ (Progr. Berlin 1903]. P. Galtier, in Recherches de science religieuse 1922, 30—45 (ὁμοούσιος bei Paul v. S.).

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Kirchengeschichte des Eusebius

Navigation
Erstes Buch
Zweites Buch
Drittes Buch
Viertes Buch
Fünftes Buch
Sechstes Buch
Siebtes Buch
. . Mehr
. . 15. Kap. Das Martyrium ...
. . 16. Kap, Die Geschichte ...
. . 17. Kap. Die Wunderzeichen ...
. . 18. Kap. Der Bischofsstuhl ...
. . 19. Kap. Die Festbriefe ...
. . 20. Kap. Die Ereignisse ...
. . 21. Kap. Die damals ...
. . 22. Kap. Die Regierung ...
. . 23. Kap. Nepos und ...
. . 24. Kap. Die Offenbarung ...
. . 25. Kap. Die Briefe ...
. . 26. Kap. Paulus von ...
. . 27. Kap. Die berühmten ...
. . 28. Kap. Paulus wird ...
. . 29. Kap. Die damals ...
. . 30. Kap. Die berühmten ...
. . 31.
. . 32.
Achtes Buch
Neuntes Buch
Zehntes Buch

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger