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Hieronymus († 420) - Briefe
IV.a. Briefe wissenschaftlichen Inhaltes: Didaktische Briefe
57. An Pammachius: Über die beste Art zu übersetzen

7.

Es ist ganz natürlich, wenn auch die übrigen weltlichen Autoren und kirchlichen Schriftsteller so verfahren sind. Die Siebenzig, die Evangelisten und die Apostel, haben es mit den heiligen Schriften nicht anders gemacht. Bei Markus spricht der Herr: „Talitha qumi.“ Unmittelbar darauf heißt es: „Verdolmetscht bedeutet dies: Mädchen, ich sage dir, stehe auf!“ 1 Nennt doch den Evangelisten einen Lügner, weil er die Worte: [S. 274] „ich sage dir“ beigefügt hat, während es im Hebräischen nur heißtt „Mädchen, stehe auf!“ Aber um dem Worte größeren Nachdruck zu verleihen, um auf die Bedeutung dessen hinzuweisen, der spricht und den Befehl erteilt, hat der Evangelist die Worte „ich sage dir“ hinzugesetzt. Ein anderes Beispiel! Nachdem Matthäus berichtet hat, wie der Verräter Judas die dreißig Silberlinge zurückbrachte, und wie man von dem Gelde den Acker eines Töpfers kaufte, schreibt er: „Da ging in Erfüllung, was der Prophet Jeremias niedergelegt hat in den Worten: Und sie nahmen die dreißig Silberlinge, den Preis des Geschätzten, welchen sie geschätzt hatten von seiten der Söhne Israels, und gaben sie hin für den Acker des Töpfers, wie der Herr mir aufgetragen.“ 2 Bei Jeremias findet sich diese Stelle überhaupt nicht, sondern bei Zacharias, allerdings mit stark geändertem Wortlaut und völlig abweichender Anordnung. Die Vulgata 3 hat folgende Fassung: „Und ich werde zu ihnen sprechen: Wenn es euch richtig dünkt, dann gebt mir meinen Lohn oder weigert euch dessen! Und sie wogen mir meinen Lohn ab, dreißig Silberlinge. Und der Herr sprach zu mir: Lege sie in den Schmelztiegel und siehe zu, ob es dem entspricht, wie sie mich eingeschätzt haben! Und ich nahm die dreißig Silberlinge und legte sie im Hause des Herrn in den Schmelztiegel.“ 4 Es ist auf den ersten Blick klar, was für ein gewaltiger Unterschied zwischen dem Zitat des Evangelisten und der Übersetzung der Siebenzig besteht. Aber im hebräischen Text ist der Sinn der gleiche, wenn auch die einzelnen Worte umgestellt und gänzlich verschieden sind. Da lesen wir: „Und ich sprach zu ihnen: Wenn es euch recht scheint, dann bringt mir meinen Lohn; wenn nicht, dann steht davon ab! Und sie wogen mir meinen [S. 275] Lohn zu, dreißig Silberlinge. Und es sprach der Herr zu mir: Bringe diese stattliche Summe, auf die sie mich geschätzt haben, zum Bildgießer! Und ich nahm die dreißig Silberlinge und brachte sie im Hause des Herrn zum Bildgießer.“ 5 Man bezichtige also den Apostel der Fälschung, da sein Text weder mit dem Hebräischen noch mit der Septuaginta in Einklang steht. Ja, was noch schlimmer ist, er vertut sich auch im Namen; denn statt Zacharias setzt er Jeremias. Doch der Himmel bewahre uns davor, eine solche Anklage gegen einen Jünger Christi zu erheben, der sich nicht kleinlich an Worte und Silben hielt, sondern dem es nur darauf ankam, den Sinn der Schriftstellen wiederzugeben.

Ich komme nun zu einer anderen Stelle aus dem gleichen Propheten Zacharias, welchen der Evangelist Johannes nach der hebräischen Wahrheit 6 anführt. Sie lautet: „Sie werden den anschauen, den sie durchbohrt haben.“ 7 Statt dessen lesen wir in der Septuaginta: „καὶ ἐπιβλέψονται πρός με ἀνθ᾿ ὧν κατωρχήσαντο“ 8 Die Lateiner haben diese Worte übersetzt: „Und sie werden zu mir hinschauen, weil man mich verspottete bzw. weil man mich schmähte.“ 9 In diesem Falle weichen der Evangelist, die Septuaginta und unsere Übersetzung voneinander ab, aber die sinngemäße Übereinstimmung gleicht die Verschiedenheit des Wortlautes aus. Bei Matthäus lesen wir ferner, wie der Herr den Aposteln ihre Flucht vorherverkündet unter Berufung auf denselben Propheten Zacharias. Er sagt: „Es steht geschrieben: Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe werden sich zerstreuen.“ 10 Aber der Text lautet in der Septuaginta und im Hebräischen wesentlich anders. [S. 276] Dort wird der Ausspruch keineswegs Gott in den Mund gelegt, wie der Evangelist es darstellt, sondern er erscheint als Bitte des Propheten, der zu Gott Vater spricht: „Schlage den Hirten, und die Schafe werden sich zerstreuen.“ 11 Wenn ich mich nicht täusche, gibt es einige sogenannte kluge Leute, welche den Evangelisten eines Vergehens bezichtigen, weil er es gewagt hat, Worte des Propheten Gott in den Mund zu legen. Der gleiche Evangelist erzählt, wie Joseph auf das Geheiß des Engels den Knaben und seine Mutter nahm, nach Ägypten wanderte und dort verblieb bis zum Tode des Herodes, damit in Erfüllung gehe, was der Herr durch den Propheten verkündet hatte: „Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.“ 12 So steht es nicht in unseren Handschriften; aber beim Propheten Osee lesen wir gemäß der hebräischen Wahrheit: „Den Knaben Israel habe ich geliebt, und aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.“ 13 Statt dessen lesen wir an der gleichen Stelle in der Septuaginta: „Ich liebte Israel, als es klein war, und aus Ägypten rief ich seine Söhne.“ 14 Sind die Übersetzer unter allen Umständen zu tadeln, welche diese Stelle, obwohl sie in geheimnisvoller Weise vor allem auf Christus hinweist, anders wiedergegeben haben? Oder muß man, da sie ja auch bloß Menschen waren, ihnen gegenüber Gnade walten lassen nach dem Worte des Apostels Jakobus, der schreibt: „In vielen Dingen fehlen wir alle. Wer in Worten nicht sündigt, der ist ein vollkommener Mensch; denn er vermag seinen ganzen Körper zu beherrschen?“ 15 Eine weitere Stelle beim gleichen Evangelisten lautet: „Und er nahm Wohnung in der Stadt, die Nazareth heißt, damit das Wort des Propheten in Erfüllung gehe: Er wird Nazaräer genannt werden.“ 16 Da mögen diese Herren Wortklauber, 17 diese schwer zu befriedigenden Kritiker aller [S. 277] Exegeten uns einmal verraten, wo sie die Stelle gefunden haben. 18 Ich will es ihnen sagen, sie findet sich bei Isaias. An der Stelle, an der wir lesen — auch meine Übersetzung lautet so —: „Ein Reis wird hervorgehen aus dem Stamme Jesse, und eine Blume wird heraussprießen aus seiner Wurzel“, 19 da liest der hebräische Text in Anlehnung an den dieser Sprache eigentümlichen Ausdruck: „Ein Zweig wird hervorgehen aus dem Stamme Jesse, und ein Nazaräer wird aus seiner Wurzel herauswachsen.“ 20 Warum findet sich dieses Wort nicht in der Septuaginta? Wenn es nicht gestattet ist, ein Wort durch ein anderes zu ersetzen, dann wäre es eine Gotteslästerung, solch eine geheimnisvolle Andeutung zu unterschlagen oder nicht darüber Bescheid zu wissen.

1: Mark. 5, 41.
2: Matth. 27, 6 f. 9 f.
3: Unter Vulgata versteht dieser Brief die alte, aus der LXX hervorgegangene lateinische Bibelübersetzung (Itala).
4: Zach. 11, 12 f. (It.).
5: Zach. 11, 12 f. (Hebr.).
6: Diesen Ausdruck gebrauchte Hieronymus häufig, um zu zeigen, daß nur der hebräische Text, nicht aber die LXX, wie auch er anfänglich glaubte, inspiriert ist.
7: Joh. 19, 37.
8: Zach. 12, 10 (LXX).
9: Ebd. (It.).
10: Matth. 26, 31.
11: Zach. 13, 7.
12: Matth. 2, 13 ff.
13: Osee 11, 1 (Hebr.).
14: Ebd. (LXX).
15: Jak. 3, 2.
16: Matth. 2, 23.
17: „Logodaedali“. Vgl. Cicero, Orat. 12, 39.
18: Da die Gegner kein Hebräisch konnten, waren sie nicht in der Lage, das Wortspiel zwischen נֵזֶר (Sprößling, Blume) und Nazaraeus zu erfassen.
19: Is. 11, 1 (LXX; Vulg.).
20: Ebd. (Hebr.).

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger