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Gregor der Grosse († 604) - Vier Bücher Dialoge (Dialogi de vita et miraculis patrum Italicorum)
Zweites Buch

XXXV. Kapitel: Er schaut die ganze Welt auf einmal, und von der Seele des Bischofs Germanus von Capua

Ein andermal war Servandus, Diakon und Abt jenes Klosters, das von dem ehemaligen Patrizier Liberius im Gebiete von Kampanien erbaut war, nach seiner Gewohnheit zu Besuch zu ihm gekommen. Er kam nämlich öfter in sein Kloster, damit sie sich gegenseitig, weil auch er voll von himmlischer Gelehrsamkeit war, durch liebliche geistliche Gespräche erquicken und die süße Speise des himmlischen Vaterlandes wenigstens im Verlangen kosten könnten, da dies in vollkommener Freude noch nicht möglich war. Als es Zeit zum [S. 100] Schlafengehen war, begab sich der ehrwürdige Benedikt in den oberen Teil des Turmes, in dessen unteren Raum sich der Diakon Servandus zurückzog. Es verband aber eine Stiege das obere und das untere Stockwerk. Vor dem Turm befand sich ein breites Gebäude, in dem die Schüler beider schliefen. Die Brüder ruhten noch, als der Mann Gottes schon wachte und vor ihnen das nächtliche Gebet begann. Er stand am Fenster und betete zum allmächtigen Gott. Während er so in frühester Stunde hinausblickte, sah er plötzlich, wie sich ein Licht von oben her ergoß, die ganze Finsternis der Nacht verscheuchte und so hell aufleuchtete, daß dies in der Finsternis strahlende Licht den Tag übertraf. Etwas sehr Wunderbares war mit dieser Erscheinung verbunden; es wurde ihm nämlich, wie er später selbst erzählte, auch die ganze Welt wie in einem einzigen Sonnenstrahl vereinigt vor Augen geführt. Indem der ehrwürdige Vater den Blick unverwandt auf den Glanz dieses Lichtschimmers richtete, sah er die Seele des Bischofs Germanus von Capua in einer feurigen Kugel von Engeln zum Himmel emporgetragen. Da rief er, um einen Zeugen für das große Wunder zu haben, den Diakon Servandus wiederholt zwei-, dreimal laut beim Namen. Durch das ungewohnte Rufen des großen Mannes befremdet, stieg er hinauf, blickte um sich und sah noch einen kleinen Teil des Lichtes. Er war voll des Staunens über das große Wunder, und der Mann Gottes erzählte ihm der Reihe nach, was sich zugetragen. Sogleich schickte er nach dem Städtchen Casinum und gab dem gottgeweihten Manne Theoprobus den Auftrag, noch in der Nacht nach Capua zu schicken, sich über den Bischof Germanus zu erkundigen und ihm darüber zu berichten. So geschah es, und der Bote fand den hochwürdigsten Bischof Germanus schon gestorben. Auf genaue Nachfrage erfuhr er, sein Hinscheiden sei in demselben Augenblicke erfolgt, in dem der Mann Gottes ihn auffahren sah. [S. 101]

Petrus. Ein wunderbares und überaus staunenswertes Ereignis! Was aber das anbelangt, daß ihm die ganze Welt wie in einem einzigen Sonnenstrahl vereinigt vor Augen geführt wurde, so habe ich nie etwas Derartiges erfahren und kann mir nicht vorstellen, wie es möglich sein soll, daß die ganze Welt von einem einzigen Menschen geschaut werde.

Gregorius. Halte fest, Petrus, was ich sage! Der Seele, die ihren Schöpfer sieht, schwindet die ganze Schöpfung zusammen. Mag sie auch noch so wenig vom Lichte des Schöpfers erschauen, so wird ihr doch alles klein, was geschaffen ist. Denn durch das Licht der inneren Beschauung wird das Innerste der Seele erweitert und dehnt sich so in Gott aus, daß sie über die Welt hinausgehoben wird, ja die Seele des Beschauenden wird über sich selbst hinausgehoben.1 Wenn sie so im Lichte Gottes über sich selbst hinaus entzückt wird, erweitert sie sich in ihrem tiefsten Innern; und wenn sie aus ihrem erhöhten Zustand unter sich hinabschaut, 2 begreift sie, wie klein das ist, was sie im erniedrigten Zustand nicht zu begreifen vermochte. Der Mann Gottes, der die Feuerkugel und die in den Himmel zurückkehrenden Engel sah, konnte dies ohne Zweifel nur im Lichte Gottes schauen. Was Wunder also, wenn der die Welt vor sich in eins zusammen gefaßt sah, der im Lichte des Geistes aus der Welt hinausgehoben war? Wenn man aber sagt, daß die Welt vor ihm in eins zusammengefaßt war, so waren Himmel und Erde nicht verkleinert, sondern die Seele des Schauenden erweitert, der, in Gott entrückt, ohne Schwierigkeit alles übersehen [S. 102] konnte, was niedriger ist als Gott. Indem also jenes Licht seinen äußeren Augen erglänzte, war ein inneres Licht in seiner Seele, das seinen Geist in den Himmel entrückte und ihm zeigte, wie eng begrenzt alles Irdische ist.

Petrus. Zu meinem Nutzen, scheint es, habe ich nicht verstanden, was du sagtest, da wegen meiner langsamen Auffassung du eine so klare Auslegung gegeben hast. Allein, da du nun dies für mich verständlich gemacht hast, bitte ich dich, zum Verlauf der Erzählung zurückzukehren.

1: Der für die Mystik bei Gregor bedeutsame Originaltext lautet: Fixum tene, Petre, quod loquor: quia animae videnti Creatorem angusta est omnis creatura. Quamlibet etenim parum de luce Creatoris aspexerit, breve ei fit omne quod creatum est: quia ipsa luce visionis intimae mentis laxatur sinus tantumque expanditur in Deo, ut superior exsistat mundo: fit vero ipsa videntis anima etiam super semetipsam.
2: Wir wählen mit Moricca die Lesart sub se statt se sub se.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger