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Hieronymus († 420) - Briefe
II.a. Aszetische Briefe: Über die kirchlichen Stände und ihre Aszese
130. An Demetrias

16.

Doch beinahe hätte ich die Hauptsache vergessen. Als Du klein warst und der Bischof Anastasius seligen Andenkens die römische Kirche leitete, 1 da versuchten [S. 267] Häretiker vom Orient her in ihrer wilden Wut den schlichten Glauben, wie des Apostels Mund ihn rühmte, 2 zu entstellen und ins Schwanken zu bringen. Aber dieser Mann, nicht minder reich durch seine Armut als durch seine apostolische Hirtensorge, zerschmetterte das gefährliche Haupt sofort und verschloß der zischenden Schlange den Mund. 3 Weil ich nun fürchte — drangen doch dahingehende Gerüchte bis zu mir —, daß die Giftpflanzen in einigen noch weiterleben und weiterwuchern, so halte ich es aus dem Gefühl frommer Liebe heraus für angebracht, Dich zu ermahnen, dem heiligen Innocentius, 4 der der Nachfolger des Anastasius auf dem apostolischen Stuhl und dessen Sohn ist, die Treue zu wahren. Wende Dich keiner fremden Lehre zu, mag sie Dir auch noch so klug und überzeugend vorkommen. Diese Art Leute hat nämlich die Gewohnheit, in allen Winkeln und ganz verstohlen ihre Ansichten an den Mann zu bringen und Gottes Gerechtigkeit ausklügeln zu wollen. „Warum“, so sprechen sie, „ist diese Seele in dieser Provinz geboren? Warum kommen die einen als Kinder christlicher Eltern zur Welt, während andere bei unzivilisierten und wilden Völkern ins Leben treten, die überhaupt keine Kenntnis von Gott haben?“ Wenn sie dann durch diesen Skorpionenstich harmlose Menschen verwundet und an der offenen Wunde sich weiter Raum geschaffen haben, dann streuen sie ihr Gift aus. „Glaubst du, daß ein kleines Kind, das kaum seine Mutter an ihrem Lachen und ihrem heiteren Gesichte erkennt, 5 das bisher nichts Gutes und auch nichts Schlechtes getan hat, ohne eigene Schuld vom Teufel [S. 268] besessen oder von der Gelbsucht befallen wird und Leiden durchmachen muß, von denen nach unserer Erfahrung die Gottlosen verschont bleiben, während die Gotteskinder damit geplagt werden? Wenn aber“, so fahren sie fort, „Gottes Gerichte wahr und in sich selbst gerechtfertigt sind, 6 wenn ich also bei Gott keine Spur von Ungerechtigkeit finden kann, dann zwingt uns unsere Vernunft zu der Annahme, diese Seelen müssen schon einmal im Himmel existiert haben. Dort wurden sie wegen irgendwelcher früherer Fehler dazu verurteilt, in einem menschlichen Leibe gleichsam begraben zu werden, so daß wir in diesem Tränentale die Strafen einstiger Sünden abzubüßen haben. 7 Deshalb spricht auch der Prophet: Bevor ich gedemütigt wurde, habe ich gesündigt. 8 Befreie meine Seele aus dem Kerker! 9 Hat er gesündigt, daß er vom Mutterschoß an blind war, oder taten es seine Eltern?“ 10 und ähnliches. Diese verderbliche und gottlose Lehre verbreitete sich einst in Ägypten und im Orient, 11 und heute noch hat sie sozusagen in gewissen Natterhöhlen viele heimliche Anhänger. Sie vergiftet in jenen Gegenden die Reinheit des Glaubens und setzt sich einem Erbübel gleich in wenigen fest, um dann sehr viele anzustecken. Ich bin ganz und gar davon überzeugt, daß Du eine solche Lehre, falls sie an Dich herantritt, nicht annimmst. Denn Du hast neben Gott Lehrmeisterinnen in den Wahrheiten des Heiles, denen der Glaube Richtschnur ihrer Lehre ist. Du weißt ja, wie ich es meine. Denn Gott wird Dir in [S. 269] allen Dingen das richtige Verständnis geben. 12 Du wirst ja nicht gleich eine Widerlegung dieser häßlichen Irrlehre und anderer noch schlimmerer Dinge, als die von mir angedeuteten es sind, verlangen. Es möchte sonst aussehen, als ob ich Dich nicht vor der Irrlehre gewarnt, sondern versucht hätte, Dich für sie zu gewinnen. 13 Der vorliegende Brief hat ja den Zweck, eine Jungfrau zu unterweisen, aber nicht sich mit Irrlehrern auseinanderzusetzen. Im übrigen habe ich alle ihre trügerischen Lehren und die verborgenen Gänge, mit denen sie die Wahrheit unterwühlen wollten, mit Gottes Beistand in einer anderen Schrift zunichte gemacht. 14 Auf Deinen Wunsch hin will ich sie Dir gern und umgehend zustellen. Sagt man doch von einer aufgedrungenen Ware, daß sie übel rieche. Und der Wert einer Sache nimmt ab, je leichter sie zu haben ist, während die Seltenheit ihn erhöht. 15

1: Anastasius I. (399—401).
2: Röm. 1, 8.
3: Hieronymus hat Rufin und seine Anhänger im Auge, die sich für Origenes einsetzten. Nach der Rückkehr Rufins nach Rom hatte Anastasius die irrigen Lehrsätze aus περὶ ἀρχῶν verurteilt und mehrere oberitalische Bischöfe zu Maßnahmen gegen die Origenisten veranlaßt, wenn er auch gegen Rufin persönlich nicht einschritt, da er ihm den guten Glauben zubilligte (vgl B III 592).
4: Innozenz I. (402—417).
5: Vergil, Buc. IV 60.
6: Ps. 18, 10.
7: Origenes lehrte die Präexistenz der Seelen. Sie sind nach ihm gefallene Engel, welche zur Strafe in menschliche Leiber verbannt wurden.
8: Ps. 118, 67.
9: Ebd. 141, 8.
10: Joh. 9, 2.
11: In Ägypten war bis zum Jahre 399 der Patriarch Theophilus von Alexandrien eifriger Origenist, der von da an seine bisherigen Freunde, die origenistisch gesinnten Mönche der nitrischen Wüste, scharf bekämpfte. Im „Orient“ setzten sich Johannes von Jerusalem und Rufin für Origenes ein.
12: 2 Tim. 2, 7.
13: Cicero, Pro Sexto Roscio 25, 70.
14: Ep. 124 ad Avitum oder die Apologie gegen Rufin.
15: Vgl. Seneca, De benef, I 14, 1.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger