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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)

Dreiundzwanzigste Unterredung, welche die dritte des Abtes Theonas ist, darüber, daß der Apostel sagt: „Denn nicht das Gute, welches ich will, thue ich, sondern was ich nicht will, das Böse, das thue ich.“

[S. 349] 1. Diese Worte passen nicht auf die Sünder, sondern nur auf den Apostel.

Da also der Greis nach wiedergekehrtem Tageslichte von uns mit der größten Dringlichkeit angetrieben wurde, den Abgrund des apostolischen Wortes zu erforschen, sprach er also: Ihr suchtet durch Beweise zu erhärten, der Apostel Paulus habe nicht in seinem, sondern in der Sünder Namen gesagt: „Denn nicht, was ich will, das Gute thue ich, sondern was ich hasse, das Böse, das übe ich.“ Oder wieder: „Wenn ich aber Das thue, was ich nicht will, so wirke nicht ich es, sondern die Sünde, welche in meinen Gliedern wohnt.“ Oder das Folgende: „Denn ich habe Wohlgefallen an dem Gesetze des Herrn nach dem innern Menschen, aber ich sehe ein anderes Gesetz in meinen Gliedern“ &c. &c. Aber Alles zeigt im Gegentheile deutlich, daß das Gesagte durchaus nicht auf die Person des Sünders [S. 350] passe sondern sich nur auf die Vollkommenen beziehe und nur der Heiligkeit Derjenigen entspreche, welche den Verdiensten der Apostel nachzukommen suchen. Wie konnte es übrigens auch auf die Sünder passen, wenn er sagt: „Denn nicht was ich will, das Gute thue ich, sondern was ich hasse, das Böse, das übe ich?“ Ja nicht einmal Das: Wenn ich aber thue, was ich nicht will, so wirke nicht ich es sondern die Sünde, welche in mir wohnt.“ Denn welcher Sünder befleckt sich, ohne es zu wollen, mit Ehebruch und Hurerei? Wer bereitet unfreiwillig seinem Nächsten Hinterhalt? Wer sollte durch eine unvermeidliche Nothwendigkeit gezwungen sein, durch falsches Zeugniß einen Menschen zu unterdrücken, oder ihn durch Diebstahl zu schädigen, die Habe eines Andern zu begehren, oder Blut zu vergießen? Steht ja auch geschrieben: 1 „Das Menschengeschlecht ist eifrig zur Ruchlosigkeit gewandt von Jugend auf.“ Denn so sehr wünschen Alle, die von Liebe zu den Lastern entbrannt sind, das Begehrte auszuführen, daß sie mit wachsamer Sorgfalt nach Gelegenheit spähen, das Verbrechen zu verüben, und prahlend mit ihrer Schmach und der Masse ihrer Verbrechen sich nach dem Ausspruche des bitter tadelnden Apostels 2 noch ein gewisses Lob aus ihrer Schande bereiten. Von Diesen behauptet auch der Prophet Jeremias, daß sie nicht nur nicht gegen ihren Willen oder auch nur mit Ruhe des Herzens und Körpers ihre schandbaren Verbrechen ausüben, sondern, um zu deren Verwirklichung zu gelangen, sich so sehr in mühevollen Versuchen abhetzen, daß sie von dem todbringenden Verlangen nach den Lastern sich nicht einmal durch die entgegenstehenden rauhen Schwierigkeiten abhalten lassen. Er sagt: „Sie mühten sich ab, um Sünde zu thun.“ 3 Wer möchte ferner sagen, daß Das auf die Sünder passe: „Ich diene also mit dem Geiste dem Gesetze Gottes, aber mit dem Fleische dem [S. 351] Gesetze der Sünde?“ Ist es denn nicht offenbar, daß diese weder mit dem Geiste noch mit dem Fleische Gott dienen? Oder wie sollen Die, welche mit dem Leibe sündigen, dem Geiste nach Gott dienen, da der Leib den Zunder der Sünde aus dem Herzen empfängt und der Schöpfer beider Naturen selbst verkündet, daß aus ihm die Sünden entspringen und hervorquellen? „Aus dem Herzen,“ sagt er, 4 „kommen die bösen Gedanken, die Ehebrüche, die Buhlereien, die Diebstähle“ und das Übrige dieser Art. Deßhalb zeigt sich deutlich, daß Dieß in keiner Weise von der Person der Sünder verstanden werden könne, die das Böse nicht nur nicht hassen, sondern sogar lieben und Gott so wenig weder mit dem Geiste noch mit dem Leibe dienen, daß sie vor der leiblichen Übertretung im Geiste sündigen und ehe sie die Lust des Fleisches erfüllen, schon in der Sünde des Geistes und der Gedanken erfunden werden.

1: Genes. 6, 5 steht in der Vulg. eine ähnliche Stelle.
2: Phil. 3, 19.
3: Jerem. 9, 5.
4: Matth. 15, 19.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger