Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Dreiundzwanzigste Unterredung, welche die dritte des Abtes Theonas ist, darüber, daß der Apostel sagt: „Denn nicht das Gute, welches ich will, thue ich, sondern was ich nicht will, das Böse, das thue ich.“

7. Daß Jene, welche glauben, sie seien von jeder Sünde frei, Triefäugigen ähnlich seien.

Um also dieses höchste Gut, nemlich den Genuß der Anschauung Gottes und die beständige Verbindung mit Christus vollkommen zu erlangen, wünscht er, getrennt zu werden vom Leibe, der in seiner Hinfälligkeit und gehindert durch die vielen Nöthen seiner Gebrechlichkeit von der Gemeinschaft mit Christus nothwendig abgezogen wird. Denn es ist auch für den Geist, wenn er durch so häufige Sorgen in Spannung versetzt, durch so beschwerliche und vielfache Angst gehindert wird, unmöglich, immer der göttlichen Anschauung zu genießen. Wo ist auch ein so beharrliches Streben der Heiligen, wo ein Vorsatz so hoch, daß jener schlaue Nachsteller ihm nicht zeitweilig Abbruch thun könnte? Wer ist so eifrig in den Tiefen der Einöde geblieben und hat den Umgang mit allen Menschen so gemieden, daß er nie durch überflüssige Gedanken fiel und durch den Anblick irdischer Dinge oder die Beschäftigung mit solchen Handlungen nie von der Beschauung Gottes, die wahrhaft einzig und gut ist, abkam? Wer konnte je einen solchen Eifer des Geistes bewahren, daß er nicht zuweilen selbst während der Sammlung im Gebete von einschleichenden Gedanken fortgerissen worden und plötzlich vom Himmlischen zum Irdischen gefallen wäre? Wer von uns wird nicht, um die übrigen Seiten der Zerstreuungen zu verschweigen, gerade in jenem Augenblicke, in welchem er zu Gott fleht und den Geist in die Höhe richtet, durch einen gewissen Stumpfsinn matt, und strauchelt so, ohne es zu wollen, gerade in Dem, wodurch er Verzeihung seiner Sünden hoffte. Wer, sage ich, ist so geübt und wachsam, daß sein Geist nie von dem Sinne der Schrift abgeführt wird, während er Gott den Psalm singt? Wer ist so vertraut und verewigt mit Gott, daß er die Freude hätte, jene apostolische [S. 361] Anweisung, die uns befiehlt, ohne Unterlaß zu beten, auch nur einen Tag erfüllt zu haben? Obgleich all Dieß Manchen, die in schwerere Laster verwickelt sind, leicht und fast ganz von Sünde frei scheint, so ist doch für Jene, welche das Gut der Vollkommenheit kennen, auch das Kleinste, wenn es in großer Zahl auftritt, sehr schwer. Gerade, wie wenn wir in ein großes Haus, welches durch viele Werkzeuge, Gefäße, Gepäcke in Unordnung ist, Zwei zugleich treten lassen, nemlich Einen, der mit der vollen Schärfe des Gesichtes Alles durchschaut, und einen Andern, dem Triefäugigkeit das Licht der Augen abgeschwächt hat. Hier wird nun Dieser, welchem der Blick zu stumpf ist, um Alles zu sehen, meinen, es seien hier nur Schränke, Betten, Schemel, Tische und was immer nicht sowohl den Augen des Schauenden, als den Händen des Greifenden auffällt; dagegen wird Jener, welcher mit seinem ganz klaren Augenlichte auch das Verborgenere erschaut hat, sagen, daß dort Vieles sei, was sehr klein und kaum in eine Zahl zu fassen sei, so daß es, auf einen Haufen zusammengebracht, die Größe Dessen, was Jener gegriffen hatte, durch seine Menge decken oder vielleicht sogar Übertreffen würde. 1 So also verstehen die Heiligen und, um mich so auszudrücken, die Sehenden, welche nach Vollkommenheit streben, auch Das [S. 362] in sich zu entdecken, was der gleichsam verfinsterte Blick unserer Seele nicht sieht, und sie verdammen es auf das Strengste, so daß Jene, welche, nach der Ansicht unseres Leichtsinnes, den Glanz ihres reinen Gewissens nicht einmal mit der Makel einer kleinen Sünde getrübt haben, nach ihrer eigenen Meinung mit vielen Flecken bespritzt sind, wenn, ich will nicht sagen die Bosheit eines eitlen Gedankens sich in die Tiefen des Geistes eingeschlichen hat, sondern nur eine Erinnerung an den Psalm, der zu sprechen ist, zur Zeit des Gebetes die Aufmerksamkeit des Flehenden abgewendet hat. Denn, sagen sie, wenn nur bei einem hochgestellten Manne, nicht etwa um unser Heil und Leben, sondern nur um den Gewinn irgend eines Vortheils bitten und nun, das ganze Auge des Geistes und Körpers auf ihn gerichtet, mit zitternder Erwartung an seinem Blicke hängen, voll Furcht, es möchte irgend ein ungeschicktes oder unpassendes Wort uns um sein Erbarmen bringen; oder wenn uns auf dem Forum oder vor dem Richterstuhle der weltlichen Richter, während der Gegner uns gegenübersteht, mitten im Verlaufe des Streites ein Husten, ein Räuspern, Lachen, Gähnen oder der Schlaf überkommen würde, und da schon der wachsame Feind mit der größten Mißgunst die Strenge des Richters zu unserm Verderben auflegen würde: um wie viel mehr muß dann, wenn wir zu jenem Kenner alles Verborgenen wegen der drohenden Gefahr des ewigen Todes beten, das Erbarmen des Richters mit aufmerksamer und besorgter Bitte erfleht werden, besonders da jener Listige uns gegenübersteht, der ebenso Verführer wie Ankläger ist. Nicht mit Unrecht wird Derjenige nicht nur wegen einer leichten Sünde, sondern sogar wegen eines sehr schweren Verbrechens der Gottlosigkeit angehalten, welcher beim Vortrage seiner Bitte vor dem Herrn plötzlich von dem Angesichte desselben, wie vor den Augen eines Nichtsehenden und Nichthörenden hinweggeht und der Eitelkeit eines sündhaften Gedankens nachläuft. Jene aber, welche die Augen ihres Herzens mit der dichten Hülle der Laster bedecken, und nach dem Ausspruche des Erlösers [S. 363] sehend nicht sehen und hörend nicht hören und nicht verstehen, betrachten in den Schlupfwinkeln ihrer Brust selbst kaum die großen und Hauptverbrechen, können aber nicht die einschleichenden Gedanken, ja auch nicht jene so glatten und heimlichen Reizungen, die mit leisem und feinem Hauche den Geist treffen, und ebensowenig die vielfache Gefangenschaft ihrer Seele mit gereinigtem Blicke sehen, sondern indem sie stets in unehrerbietigen Gedanken zerstreut sind, wissen sie es nicht einmal schmerzlich zu fühlen, wenn sie von jener Beschauung, die so einzig ist, abgezogen werden und haben auch Nichts, dessen Verlust sie schmerzen könnte, da sie ja ihren Geist den nach Belieben eindringenden Gedanken hingeben und also Nichts vor Augen haben, was sie vor Allem festhalten, oder auf jede Weise begehren wollten. In diese Verirrung stürzt uns sicher der Umstand, daß wir in völliger Unwissenheit über die Tragweite der ἀναμαρτησία, d. i. der Sündelosigkeit, glauben, wir zögen uns durchaus keine Schuld zu bei jenen müßigen und schlüpfrigen Ausschweifungen der Gedanken. Und so schauen wir, betäubt von unserer Stumpfheit und wie mit Blindheit der Augen geschlagen auf Nichts in uns als auf die Hauptverbrechen und glauben, wir müßten nur Das meiden, was auch durch die Strenge der weltlichen Gesetze verworfen wird, so daß wir gleich meinen, es sei gar keine Sünde in uns, wenn wir uns von diesen Dingen auch nur ein Wenig frei fühlen. Weil wir also, fern von jener Zahl der Sehenden, die vielen kleinen Schmutzflecken, die sich in uns angehäuft haben, nicht wahrnehmen, so werden wir durchaus nicht von heilsamer Zerknirschung gequält, wenn die Krankheit der Traurigkeit unser Gemüth gestört hat, noch empfinden wir Schmerz darüber, daß uns eine feine Anwandlung eitler Ruhmsucht verwundete, noch weinen wir über ein zu spät oder zu träge gehaltenes Gebet und rechnen es nicht als unsere Schuld an, daß uns beim Psalliren oder Beten etwas Anderes einfiel als das Gebet selbst. Auch Das schreckt uns nicht, daß wir nicht erröthen. Vieles, [S. 364] was man aus Scham vor den Menschen weder redet noch thut, sogar eine Stunde lang im Herzen zu denken, welches doch, wie wir wissen, dem göttlichen Auge offen steht. Ferner reinigen wir die Befleckung schändlicher Träume nicht durch reichliche Thränenflut und trauern nicht, daß selbst bei dem Liebesdienste des Almosens, sei es daß wir den Nöthen der Brüder zu Hilfe kommen, sei es, daß wir den Armen die Spende vertheilen, die Helle unserer Heiterkeit durch geizige Zurückhaltung verdunkelt wird. Endlich glauben wir auch nicht, von einem Schaden betroffen worden zu sein, wenn wir das Andenken an Gott aufgeben und nur an Das denken, was zeitlich und körperlich ist, so daß jenes Wort Salomons auf uns paßt: 2 „Sie schlugen mich, und ich empfand keinen Schmerz, sie verspotteten mich, und ich wußte es nicht.“

1: Dieser Vergleich ist nicht so gemeint, als ob eine große Menge läßlicher Sünden einer geringern Zahl von Todsünden gleichkommen könnte. Diese beiden sind in ihrem innersten Wesen verschieden und ist keine so große Zahl läßlicher Sünden denkbar, welche einer Todsünde gleichkäme. Anders ist es oft mit dem Endschicksale, welches beide auf dieser Welt und dann im Jenseits nehmen. Der Todsünder, der in die Hölle käme, wenn Gott ihn sogleich richten würde, kann sich mit der Gnade vollständig bekehren, während der Laue, der von einer Unzahl läßlicher Sünden siech und lahm ist, einem schwer sündhaften Falle entgegengeht, aus dem er sich dann mit seiner langsam dahingesiechten sittlichen Kraft nicht mehr erhebt. „Wärest du doch warm oder kalt &c.“
2: Sprüchw. 23, 35.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
Bilder Vorlage

Navigation
. Mehr
. Sechzehnte Unterredung, ...
. Siebzehnte Unterredung, ...
. Vorwort des Johannes ...
. Achtzehnte Unterredung, ...
. Neunzehnte Unterredung, ...
. Zwanzigste Unterredung, ...
. Einundzwanzigste Unter...
. Zweiundzwanzigste Unte...
. Dreiundzwanzigste Unte...
. . 1. Diese Worte passen ...
. . 2. Er lehrt, daß in d...
. . 3. Daß es etwas wahrhaft ...
. . 4. Daß die menschliche ...
. . 5. Daß Niemand beständig ...
. . 6. Wie sehr der Apostel ...
. . 7. Daß Jene, welche ...
. . 8. Nur sehr Wenige ...
. . 9. Von Gott zu weichen ...
. . 10. Daß Jene, welche ...
. . 11. Auslegung jener ...
. . 12. Auslegung jener ...
. . 13. Auslegung der Stel...
. . 14. Einwand, daß es w...
. . 15. Antwort auf den ...
. . 16. Was der Leib der ...
. . 17. Daß alle Heiligen ...
. . 18. Daß auch die Gere...
. . 19. Er zeigt aus der ...
. . Mehr
. Vierundzwanzigste und ...

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger