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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Dreiundzwanzigste Unterredung, welche die dritte des Abtes Theonas ist, darüber, daß der Apostel sagt: „Denn nicht das Gute, welches ich will, thue ich, sondern was ich nicht will, das Böse, das thue ich.“

4. Daß die menschliche Güte und Gerechtigkeit nicht gut sei, wenn sie mit der göttlichen verglichen wird.

Um nun die Berechtigung dieser Lehre mit noch deutlicheren Zeugnissen zu erhärten, so lesen wir ja, daß im Evangelium Vieles gut genannt wird, wie „ein guter Baum“, „ein guter Schatz“, „ein guter Mensch und guter Knecht“ — da, wie es heißt, ein guter Baum nicht schlechte Früchte tragen kann, 1 und ein guter Mensch aus dem guten Schatze seines Herzens Gutes hervorbringt.“ Ferner: „Wohlan, du guter und getreuer Knecht.“ Es ist auch kein Zweifel, daß alle Diese nach ihrer Art gut seien. Wenn wir aber auf die Güte Gottes schauen, so wird Keiner gut genannt werden, da ja der Herr sagt: „Niemand ist gut als Gott [S. 356] allein.“ Im Hinblicke auf ihn werden selbst die Apostel, welche doch durch den Werth der Auserwählung die menschliche Güte um viele Stufen überragten, böse genannt, da der Herr so zu ihnen spricht: 2 „Wenn also ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wißt, um wie viel mehr wird euer Vater, der im Himmel ist, den guten Geist Jenen geben, die ihn darum bitten?“ Wie dann unsere Güte im Vergleiche zu der göttlichen sich in Bosheit gestaltet, so wird auch unsere Gerechtigkeit, mit der göttlichen zusammengestellt, dem Tuche einer Unreinen ähnlich geschätzt, da der Prophet Isaias sagt: 3„Wie das Tuch einer Blutgängigen ist all unsere Gerechtigkeit.“ Und damit wir noch etwas Deutlicheres beibringen, so werden auch die Lebensgesetze des alten Bundes, welcher da heißt: 4 „angeordnet durch Engel 5 in der Hand des Mittlers“, und von welchem derselbe Apostel sagt: 6 „So ist also das Gesetz heilig und das Gebot heilig, gerecht und gut“ —: sie werden durch göttlichen Wahlspruch für durchaus nicht gut erklärt, wenn sie mit der evangelischen Vollkommenheit verglichen werden, denn es heißt: 7 „Und ich gab ihnen Gebote, die nicht gut waren und Satzungen, in welchen sie das Leben nicht haben werden.“ Auch der Apostel bestätigt so sehr die Verdrängung der Gesetzesherrlichkeit durch das Licht des neuen Bundes, daß er lehrt, dasselbe sei im Vergleiche zu dem Glanze des Evangeliums nicht verherrlicht. Er sagt: 8 „Denn was verherrlicht wurde, ist nicht herrlich im Vergleiche zu der überschwänglichen Herrlichkeit.“ Diese Vergleichung hält die Schrift auch nach der andern Seite hin fest, nemlich bei Abwägung der Sündenschuld, so daß sie Jene, welche viel weniger gottlos sind, im Ver- [S. 357] gleiche zu den Schlechtern für gerecht erklärt, indem sie sagt: 9 „Gerechtfertigt ist Sodoma durch dich.“ Und wieder: „Denn was hat gesündigt deine Schwester Sodoma?“ Und „gerechtfertigt hat seine Seele das verirrte Israel im Vergleiche zu dem ungetreuen Juda“. So werden also auch die Werthe aller Tugenden, die ich oben zusammenfaßte, obwohl sie an und für sich gut und kostbar sind, doch durch den Vergleich mit der Herrlichkeit der Beschauung in Schatten gestellt. Denn viele Heilige werden von der Anschauung jenes höchsten Gutes abgezogen und abgehalten, weil sie mit irdischen Bestrebungen, wenn auch wegen guter Werke, belastet sind.

1: Matth. 7, 18.
2: Matth. 7, 11.
3: Is. 64, 6.
4: Galat. 3, 19.
5: Durch die Engel (Heiligen) kam das Gesetz in die Hand des Moses, der hier als Mittler des alten Testamentes gemeint ist.
6: Röm. 7, 12.
7: Ezech. 20, 25.
8: II. Kor. 3, 10.
9: Ezech. 16, 52.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger