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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Dreiundzwanzigste Unterredung, welche die dritte des Abtes Theonas ist, darüber, daß der Apostel sagt: „Denn nicht das Gute, welches ich will, thue ich, sondern was ich nicht will, das Böse, das thue ich.“

3. Daß es etwas wahrhaft Gutes sei, von welchem der Apostel bezeugt, er könne es nicht vollbringen.

Was ist nun dieß Eine, welches jenem so großen und unzähligen Guten so ohne Vergleich vorgezogen wird, daß man es mit Verachtung und Hingabe von allem Andern allein besitzen muß? Offenbar jener beste Theil, wegen dessen Maria, als sie seine Herrlichkeit und Beständigkeit mit Hintansetzung der Bewirthung und freundlichen Dienstleistung erwählt hatte, so vom Herrn gepriesen wurde: 1 „Martha, Martha, du bist um viele Dinge besorgt und in Unruhe. Man braucht aber (Weniges, oder auch) Eines. Maria hat den besten Theil erwählt, der nicht von ihr wird genommen werden.“ Es ist also einzig und allein die Beschauung, d. i. die Betrachtung Gottes, der mit Gebühr alle Verdienste der Rechtfertigung, alles Tugendstreben nachgesetzt wird, obwohl all Dieses, was, wie oben gesagt, in [S. 354] dem Apostel Paulus glänzte, nicht nur gut und nützlich, sondern groß und herrlich ist. Aber wie z. B. das Zinn, welchem manche Nützlichkeit und Wohlgefälligkeit zuzuschreiben ist, durch die Betrachtung des Silbers ganz werthlos wird, und wieder in Vergleich mit dem Golde der Werth des Silbers schwindet; das Gold selbst aber bei der Zusammenstellung mit Edelsteinen gering geschätzt wird, und trotzdem sogar eine Menge der ausgezeichnetsten Kleinode durch den reinen Glanz einer einzigen Perle übertreffen wird: so werden auch all jene Verdienste der Heiligkeit, obgleich sie nicht nur für die Gegenwart gut und nützlich sind, sondern auch ewige Belohnung erlangen, doch für werthlos und so zu sagen feil gehalten, wenn sie mit den Verdiensten der göttlichen Beschauung verglichen werden. Damit nun ebendiese Vergleichung auch durch das Ansehen der hl. Schriften bestätigt werde, urtheilt etwa die Schrift nicht von Allem, was Gott erschaffen hatte, im Allgemeinen mit den Worten: 2 „Und siehe, Alles, was Gott gemacht hatte, war sehr gut?“ Und wieder: „Alles, was Gott gemacht hatte, war gut zu seiner Zeit?“ Das also, was für dieses Leben nicht nur einfach gut, sondern mit einem Beiworte „sehr gut“ genannt wird, ist in der That für uns, so lange wir in dieser Welt weilen, entweder den Bedürfnissen des Lebens oder der Heilung des Körpers oder irgend einer andern Sache von uns unbekanntem Nutzen entsprechend, oder doch wenigstens darin sehr gut, daß 3 es uns von der Schöpfung an das Unsichtbare von Gott durch Das, was geschaffen wurde, verständnißvoll anschauen läßt, nemlich seine ewige Macht und Gottheit, aus der so großen und so wohlgeordneten Bewegung des Neuwertes und Alles Dessen, was in ihm ist. Aber Dieß alles wird nicht einmal den Namen des Guten behalten, wenn es mit jenem künftigen Leben verglichen wird, wo keine Veränderung des Guten, keine Störung der wahren Glückseligkeit zu fürchten [S. 355] ist. Die Seligkeit dieser Welt wird so geschildert: 4 „Es wird das Licht des Mondes sein wie das Licht der Sonne, und das Licht der Sonne siebenfach wie das Licht von sieben Tagen.“ Was also in dem Obigen groß und herrlich anzuschauen und wunderbar ist, wird sogleich als Eitelkeit erscheinen, wenn es mit Dem verglichen wird, was uns dem Glauben gemäß für die Zukunft verheissen ist, wie David sagt: 5 „Alles altert wie ein Kleid, und wie ein Gewand wechselst du es und es ändert sich; du aber bleibest derselbe und deine Jahre nehmen nicht ab.“ Weil also Nichts durch sich beständig, Nichts unveränderlich, Nichts gut ist als die Gottheit allein, die Geschöpfe alle aber es nicht durch ihre Natur, sondern durch die Theilnahme an ihrem Schöpfer und durch die Gnade desselben erlangen, daß sie die ewige oder unveränderliche Seligkeit besitzen: so können sie die Erwerbung dieser Güte, die ihrem Schöpfer allein eigen ist, nicht bewahren.

1: Luk. 10, 41. 42.
2: Gen. 1, 31.
3: Röm. 1, 20.
4: Is. 3.
5: Ps. 101, 27.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger