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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Dreiundzwanzigste Unterredung, welche die dritte des Abtes Theonas ist, darüber, daß der Apostel sagt: „Denn nicht das Gute, welches ich will, thue ich, sondern was ich nicht will, das Böse, das thue ich.“

19. Er zeigt aus der Formel des Gebetes des Herrn, daß Niemand ohne Sünde lebe.

Daß nun in diesem Leben Niemand, mag er auch heilig sein, von Sündenschuld frei sein könne, zeigt uns auch die Lehre des Erlösers, der seinen Jüngern eine Formel vollkommenen Gebetes an die Hand gab und nun unter die übrigen so erhabenen und heiligen Anweisungen, die, weil nur Heiligen und Vollkommenen gegeben, für die Bösen und Ungläubigen nicht passen können, auch diese einschalten ließ: „Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unsern Schuldnern.“ Wenn also dieses Gebet in Wahrheit und von Heiligen ausgesprochen wird, wie wir ohne Zweifel glauben müssen, wer wäre dann so halsstarrig und anmaßend, so von dem Hochmuthe teuflischen Wahnsinnes aufgeblasen, daß er mit der Behauptung, er sei ohne Sünde, sich nicht nur für größer hielte als die Apostel, sondern selbst den Erlöser gleichsam der Unwissen- [S. 382] heit und eitlen Thuns beschuldigen würde, so daß derselbe entweder nicht gewußt hätte, es könnten Einige frei von Schuld sein, oder daß er unnöthig Jene belehrt habe, von welchen er wußte, sie bedürften dieses Gebetsmittels nicht? Da nun aber, treu den Geboten ihres Königes, durchaus alle Heiligen täglich sprechen: „Vergib uns unsere Schulden,“ so ist, wenn sie wahr reden, wirklich Niemand frei von Schuld: wenn sie aber sich verstellen, so ist gleichfalls wahr, daß sie nicht frei von der Schuld der Lüge sind. Deßhalb erklärt auch jener weiseste Prediger, da er alle menschlichen Handlungen und Bestrebungen im Geiste durchgeht, ohne jede Ausnahme: „Es ist kein Mensch so gerecht auf Erden, daß er das Gute thue, ohne zu sündigen;“ d. h. es ist Niemand auf dieser Erde so heilig, so eifrig, so aufmerksam, Niemand konnte je oder wird je gefunden werden können, der jenem wahren und einzigen Gute so beständig anzuhangen vermöchte, daß er nicht fühlen müßte, wie er täglich von demselben abgezogen wird und sündigt. Aber Demjenigen, von welchem behauptet wird, daß er nicht ohne Schuld sein könne, wird nichtsdestoweniger zugestanden, daß er gerecht sei.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger