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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Dreiundzwanzigste Unterredung, welche die dritte des Abtes Theonas ist, darüber, daß der Apostel sagt: „Denn nicht das Gute, welches ich will, thue ich, sondern was ich nicht will, das Böse, das thue ich.“

17. Daß alle Heiligen bekannt haben, sie seien in Wahrheit unrein und Sünder.

So sind denn alle Heiligen wegen dieser Gebrechlichkeit ihrer Natur in täglichem Seufzen zerknirscht und rufen, wenn sie die wechselnden Gedanken und die verborgenen Tiefen ihres Gewissens durchforschen, flehend aus: 1 „Geh’ nicht ins Gericht mit deinem Knechte, denn vor deinem An- [S. 379] gesichte kann kein Lebender sich rechtfertigen;“ und jenes Wort: 2 „Wer wird sich rühmen, ein keusches Herz zu haben, oder wer ist in Zuversicht, daher rein sei von Sünde?“ und wieder: 3 „Es gibt keinen gerechten Menschen auf Erden, der da Gutes thue und nicht sündige.“ Und für so schwach, unvollkommen und stets des göttlichen Erbarmens unwürdig hielten sie die menschliche Gerechtigkeit, daß Einer von ihnen, dessen Ungerechtigkeit und Sünde Gott durch die vom Altare gesandte glühende Kohle seines Wortes reinigte, nach jener wunderbaren Beschauung Gottes, nach dem Anblicke der erhabenen Seraphim und der Offenbarung himmlischer Geheimnisse, sagt: 4 „Web mir, weil ich ein Mann mit befleckten Lippen bin und in Mitte eines Volkes wohne, das unreine Lippen hat.“ Dieser hätte, wie ich glaube, die Unreinigkeit seiner Lippen damals vielleicht nicht bemerkt, wenn er nicht die wahre, unbefleckte Reinheit der Vollkommenheit durch die Anschauung Gottes hätte erkennen dürfen, durch dessen Betrachtung er seine vorher ungekannte Beflecktheit plötzlich einsah. Denn wenn er sagt: „Weh mir, weil ich ein Mann mit beflecken Lippen bin,“ so hat er das von der Uneinigkeit seiner eigenen Lippen gemeint, nicht von der des Volkes, wie das Folgende zeigt: „Und in Mitte eines Volkes von unreinen Lippen wohne.“ Aber auch wenn er im Gebete die allgemeine Sündenunreinigkeit eingesteht, da umfaßt er in der allgemeinen Abbitte nicht nur die Schaar der Gottlosen, sondern auch die der Gerechten und sagt: 5 „Siehe, du bist erzürnt, und wir sind in Sünden; in ihnen waren wir allezeit und werden doch gerettet werden. Wir sind alle geworden wie ein Unreiner, wie das Tuch einer Blutgängigen ist all unsere Gerechtigkeit.“ Ich frage, was kann deutlicher sein als dieser Ausspruch, in welchem der Prophet nicht nur eine, sondern all unsere Gerechtigkeit zusammen- [S. 380] faßt und nun, weil er bei dem Umhersuchen unter Allem, was für unrein und abscheulich gehalten wird im Leben der Menschen, nichts Unreineres und Schmutzigeres finden kann, sie dem Tuche einer Blutgängigen vergleicht?

1: Ps. 142, 2.
2: Sprüchw. 20, 9.
3: Pred. 7, 21.
4: Is. 6, 5.
5: Is. 64, 5. 6.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger