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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Dreiundzwanzigste Unterredung, welche die dritte des Abtes Theonas ist, darüber, daß der Apostel sagt: „Denn nicht das Gute, welches ich will, thue ich, sondern was ich nicht will, das Böse, das thue ich.“

15. Antwort auf den vorgelegten Einwand.

Eure Ansicht ist um ein Gutes vorwärts gekommen. Habt doch auch ihr jetzt angefangen zu behaupten, daß Dieß auf die Person Jener, welche ganz sündhaft sind, durchaus nicht geben könne, wohl aber zunächst auf Jene passe, die sich von fleischlichen Lastern zu enthalten streben. Weil ihr nun Diese schon aus der Zahl der Sünder ausgeschieden habt, so müßt ihr sie folgerichtig auch nach und nach in die Schaaren der Gläubigen und Heiligen einrechnen. Denn welche Art von Sünden können denn nach eurer Behauptung Jene begehen, in welche können sie nach der Taufgnade wieder verstrickt sein, um wieder durch die tägliche Gnade Christi davon frei zu werden? Oder von welchem Todesleibe muß man glauben, daß der Apostel gesagt habe: „Wer wird mich befreien von dem Leibe dieses Todes? Die Gnade Gottes durch Jesum Christum unsern Herrn.“ Ist es nicht offenbar, wie ja euch selbst die Wahrheit zu gestehen nöthigte, daß er nicht von jenen Gliedern der Hauptverbrechen Erwähnung thut, durch welche man den Lohn des ewigen Todes erwirbt, wie des Mordes, der Unzucht, des Ehebruches, der Trunkenheit, des Diebstahls und Raubes; sondern von jenem obenerwähnten Leibe, welchem die tägliche Gnade Christi zu Hilfe kommt? Denn wer nach der Taufe und der Erkenntniß Gottes in jenen Leid des Todes gestürzt ist, der mag wissen, daß er nicht durch die tägliche Gnade Christi gereinigt werden kann, also nicht durch jenen leichten Nachlaß, welchen der Herr auf unser Bitten jeden Augenblick unsern Fehlern zu schenken pflegt, sondern durch lange Trübsal der Buße und büßenden Schmerz, oder daß er dafür in der Zukunft den Strafen des ewigen Feuers [S. 375] übergeben werden wird, da ebenderselbe Apostel so spricht: 1 „Täuschet euch nicht, weder Unzüchtige noch Götzendiener noch Ehebrecher, weder Weichlinge noch Männerbuhler, weder Diebe noch Geizige noch Trunkenbolde oder Lästerer oder Räuber werden das Reich Gottes besitzen.“ Oder welches ist jenes Gesetz, das in unsern Gliedern kämpft, das da widerstreitet dem Gesetze unseres Geistes, und welches, wenn es uns trotz unseres Widerstandes und als Gefangene in das Gesetz der Sünde und des Todes geführt und uns ihm dem Fleische nach dienstbar gemacht hat, — dennoch gestattet, daß wir dem Geiste nach Gott dienen? Ich glaube denn doch nicht, daß hier das „Gesetz der Sünde“ Schandthaten bezeichne, oder daß es von diesen obengenannten Verbrechen verstanden werden könne, bei deren Verübung Einer nicht dem Geiste nach dem, Gesetze Gottes dient, von welchem er nothwendig zuvor im Herzen abfallen muß, bevor er eines davon dem Leibe nach begeht. Denn was heißt dem Gesetze der Sünde dienen, wenn nicht Das thun, was von der Sünde befohlen wird? Was ist nun das für eine Art von Sünde, von der sich eine solche Heiligkeit und Vollkommenheit gefangen fühlt und doch nicht zweifelt, durch die Gnade Christi befreit zu werden, da sie sagt: „O ich unglücklicher Mensch, wer wird mich befreien &c.?“ Was wird das nach einer eigenen Bestätigung für ein Gesetz in unsern Gliedern sein, das uns von dem Gesetze Gottes abzieht, uns gefangen nimmt im Gesetze der Sünde und uns doch mehr unglücklich als schuldvoll macht, so daß wir nicht zu den ewigen Strafen verurteilt werden, sondern gleichsam nur über die unterbrochene Freude der Seligkeit seufzen, zu deren Wiedererlangung wir einen Helfer suchen und mit dem Apostel ausrufen: „O ich unglücklicher Mensch“ &c.? Gefangen geführt werden in das Gesetz der Sünde, was ist Dieß Anderes, als in der Übung und der Wirkung der Sünde bleiben? Oder welches andere [S. 376] höchste Gute wird es geben, das die Heiligen nicht vollständig haben können, als jenes, von welchem wir oben sagten, daß im Vergleich zu ihm alles Übrige nicht gut ist? Freilich haben wir gesehen, daß es viel Gutes in dieser Welt gebe, besonders die Keuschheit, Enthaltsamkeit, Barmherzigkeit, die Mäßigung, die Frömmigkeit; allein all Dieses kann jenem höchsten Gute einerseits nicht gleich kommen, anderseits kann es nicht nur von den Aposteln, sondern auch von den Mittelmäßigen erreicht werden; und die es nicht erfüllt haben, werden entweder mit den ewigen Strafen gezüchtigt oder, wie oben gesagt, durch schwere Pein der Buße, nicht aber durch die tägliche Gnade Christi befreit. Es bleibt also nur übrig, einzugestehen, daß dieser Ausspruch des Apostels allein auf die Person der Heiligen richtig angewendet werde, die täglich in das genannte Gesetz der Sünde, nicht der Verbrechen fallen, aber, sicher über den Stand ihres Heiles, nicht in Schandthaten stürzen, sondern die, wie oft gesagt wurde, von der Betrachtung Gottes zu dem Elende irdischer Gedanken herabgezogen und so oft um das Gut jener wahren Glückseligkeit betrogen werden. Denn wenn sie fühlen würden, daß sie in dieß Gesetz ihrer Glieder durch tägliche Verbrechen verstrickt werden, so würden sie durchaus nicht über den Verlust des Glückes, sondern der Unschuld klagen, und der Apostel Paulus würde nicht sagen: „O ich unglücklicher Mensch,“ sondern: „Ich unreiner oder lasterhafter Mensch.“ Auch würde er nicht befreit zu werden wünschen von dem Leibe dieses Todes, d. i. von der todbringenden Lage, sondern von den Lastern und Verbrechen dieses Fleisches. Aber weil er sich nach dem Geschicke der menschlichen Gebrechlichkeit gefangen fühlte, d. i. abgeführt zu den irdischen Kümmernissen und Sorgen, welche das Gesetz der Sünde und des Todes bewirkt, so nimmt er, seufzend über dieß Gesetz der Sünde, in welches er ohne seinen Willen hineingerieth, sogleich seine Zuflucht zu Christus und wird durch die sofort gegenwärtige Erlösungsgnade gerettet. Was also jenes Gesetz der Sünde, welches von Natur aus die Dornen und Disteln der ver- [S. 377] gänglichen Gedanken und Sorgen erzeugt, auch in dem Erdreich der Apostelbrust an Besorgniß hatte keimen lassen, das riß alsbald das Gesetz der Gnade heraus. Denn, sagt er, 2 „das Gesetz des Geistes des Lebens in Christo Jesu befreite mich von dem Gesetze der Sünde und des Todes.“

1: I. Kor. 6, 9. 10.
2: Röm. 8, 2.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger