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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Dreiundzwanzigste Unterredung, welche die dritte des Abtes Theonas ist, darüber, daß der Apostel sagt: „Denn nicht das Gute, welches ich will, thue ich, sondern was ich nicht will, das Böse, das thue ich.“

12. Auslegung jener Stelle: „Wir wissen aber, daß das Gesetz geistig ist &c.“

Das ganze Menschengeschlecht also unterliegt diesem Gesetze allgemein und ohne jede Ausnahme. Denn es gibt Keinen, er mag noch so heilig sein, der nicht das obengenannte Brod im Schweiße seines Angesichtes und in kummervoller Anstrengung des Herzens hinnehmen müßte. Aber von dem gemeinen Brode essen, wie wir sehen, viele Reiche ohne jeden Schweiß ihres Angesichtes. Dieses Gesetz nun nennt der hl. Apostel auch das geistige, indem er sagt: 1 „Wir wissen aber, daß das Gesetz geistig ist; ich aber bin fleischlich, verkauft an die Sünde.“ Denn geistig ist dieses Gesetz, welches uns befiehlt, im Schweiße unseres Angesichtes jenes wahre Brod zu essen, das vom Himmel kam; uns aber macht jenes Verkauftsein an die Sünde fleischlich. Was also ist das für eine Sünde, oder wessen ist sie? Ohne Zweifel Adams, durch dessen Untreue und so zu sagen unheilvollen Geschäftsabschluß und bethörenden Handel wir verkauft wurden. Denn seine ganze Nachkommenschaft hatte er, verführt durch die Überredung der Schlange, um den Genuß der verbotenen Speise feil geboten und sie dem Joche ewiger Knechtschaft geweiht. Es pflegt ja zwischen dem Verkaufenden und Kaufenden dieser Gebrauch eingehalten zu werden, daß Der, welcher sich fremder Herrschaft zu unterstellen Willens ist, (von seinem Käufer) irgend [S. 370] einen Preis für den Verlust der eigenen Freiheit und die Zusage immerwährender Knechtschaft erhält. Das sehen wir auch zwischen Adam und der Schlange ganz deutlich erfüllt. Denn Jener erhält durch das Essen von dem verbotenen Baume von der Schlage den Preis für seine Freiheit, läßt von seiner natürlichen 2 Freiheit ab und will sich lieber Jenem in ewiger Knechtschaft ergeben, von welchem er den todbringenden Preis des verbotenen Apfels erhalten hatte, und in diese Lage verstrickt hat er dann nicht ohne sein Verschulden alle nachfolgenden Generationen Ebendemselben, dessen Knecht er geworden war, mit ewiger Sklaverei unterworfen. Was kann doch ein Sklavenpaar Anderes erzeugen als Sklaven? Wie nun? Hat etwa jener gewandte und schlaue Käufer dem wahren und gesetzmäßigen Herrn das Recht der Herrschaft entrissen? Nicht doch. Denn nicht so sehr hatte Jener durch die List des einen Betruges alles Eigenthum Gottes erlangt, daß der vorige Herr die Macht über seinen Besitz verloren hätte, da er ja selbst den Käufer, er mag noch so sehr zu fliehen und sich zu empören suchen, unter das Joch der Knechtschaft gedrückt hält. Aber der Schöpfer, welcher allen vernünftigen Geschöpfen die Wahlfreiheit vergönnt hatte, brauchte Diejenigen nicht wider ihren Willen zu der angeborenen Freiheit zurückzubringen, welche sich gegen alles Recht durch die Sünde ihrer Eßgier verkauft hatten. Es ist nemlich diesem Urheber der Gerechtigkeit und Liebe Alles verhaßt, was der Güte und Billigkeit entgegen ist. Böse wäre es nun aber gewesen, wenn er die Wohlthat der verliehenen Freiheit zurückgenommen, ungerecht, wenn er den freien Menschen durch seine Macht unterdrückt und gebunden und so nicht gestattet hätte, daß derselbe den Vorzug der erhaltenen Freiheit wirklich erlange, da er doch dessen Rettung für die damals zukünftigen Jahrhunderte aufbewahrt hatte, damit die Fülle der festgesetzten Zeit in der rechten Abfolge eintreffe. Denn seine Nachkommenschaft sollte so lange in dem überkommenen Loose bleiben, bis die Gnade ihres frühern Herrn sie von den ererbten Banden befreien und um den Preis seines Blutes sie in den alten Zustand der Freiheit zurückversetzen würde. Wohl hätte er sie nach dem Zuge der Liebe auch damals retten können, allein er wollte nicht, weil ihn die Gerechtigkeit den einmal festgesetzten Beschluß nicht brechen ließ. 3 Willst du die Ursache deines Verlaufes wissen? Höre den Erlöser selbst durch den Propheten Isaias ganz deutlich ausrufen: 4 „Welches ist jener Scheidebrief eurer Mutter, mit welchem ich sie entließ? Oder welcher ist mein Gläubiger, dem ich euch verkaufte? Siehe, ob eurer Frevel seid ihr verkauft worden, und ob eurer Laster entließ ich eure Mutter.“ Willst du auch deutlich erkennen, warum er dich nach deiner Verurteilung zum Sklavenjoch nicht durch die Kraft seiner Macht erlösen wollte? Höre, was er zu dem Obigen, womit er eben den Sündenknechten die Ursache ihrer freiwilligen Verkauftheit vorhält, beifügt: „Ist etwa verkürzt meine Hand und klein geworden, so daß ich nicht erlösen könnte, oder habe ich keine Macht zu befreien?“ Aber ebenderselbe Prophet zeigt auch, was dieser seiner so machtvollen Barmherzigkeit immer im Wege stand, und sagt: 5 „Siehe, es ist nicht verkürzt die Hand des Herrn, so daß er nicht heilen könnte, und nicht beladen sein Ohr, so daß er nicht erhörte; aber eure Missethaten haben eine Scheidung gemacht zwischen euch und euerm Gotte, und euere Sünden haben verborgen sein Angesicht vor euch, so daß er nicht erhöre.“

1: Röm. 7, 14. Der Apostel versteht hier unter dem „geistigen Gesetze“ offenbar nicht „das Essen im Schweiße“, und die Auslegung ist also etwas willkürlich.
2: Das darf nicht von einem Aufhören der natürlichen Freiheit verstanden werden, die nur geschwächt wurde bei dem Verluste der übernatürlichen Erhabenheit.
3: Den Beschluß nemlich, die Menschheit solle in ihrem Haupte Christus eine verdiente Erlösung haben durch die Versöhnung der Gerechtigkeit, nicht die Schenkung der Barmherzigkeit.
4: Is. 50, 1.
5: Is. 59, 1. 2.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger