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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Dreiundzwanzigste Unterredung, welche die dritte des Abtes Theonas ist, darüber, daß der Apostel sagt: „Denn nicht das Gute, welches ich will, thue ich, sondern was ich nicht will, das Böse, das thue ich.“

2. Er lehrt, daß in den Aposteln zwar viel Gutes gewesen sei, daß sie aber die Fülle des Guten nur dem Wunsche und Verlangen, nach gehabt hätten.

Nun erübrigt also, daß wir die Tragweite des Sinnes nach der innersten Meinung des Redenden messen, und nicht nach der bloßen Bedeutung der Worte, sondern ganz in derselben Anschauung wie der Apostel untersuchen, was er gut nannte und was er im Vergleiche damit als bös bezeichnete. — So wollen wir seinen Sinn erforschen und ihn nach seiner Würde und seinem Verdienste darstellen. Denn dann werden wir die auf Gottes Eingebung hin ausgesprochenen Sätze nach seiner Absicht und seinem Willen verstehen können, wenn wir den Stand und das Verdienst Jener, von welchen sie verkündet wurden, erwägen und eine nicht den Worten, sondern der Wirklichkeit entsprechende [S. 352] Geistesverfassung annehmen, nach deren Beschaffenheit ohne Zweifel sowohl alle Ideen gefaßt, als auch die Urtheile ausgesprochen werden. Wir wollen also genauer zusehen, was denn das Hauptgute gewesen sei, das der Apostel, obwohl er wollte, nicht erfüllen konnte. Denn wir kennen viel Gutes, von dem wir nicht läugnen können, daß es der hl. Apostel und alle Männer von gleichem Werthe entweder von Natur aus gehabt oder durch die Gnade erworben haben. Es ist ja gut die Keuschheit, lobenswerth die Enthaltsamkeit, bewundernswerth die Klugheit, freigebig die Menschlichkeit, umsichtig die Nüchternheit, bescheiden die Mäßigung, liebevoll die Barmherzigkeit, heilig die Gerechtigkeit: und es ist nicht zu bezweifeln, daß Dieß alles in dem Apostel Paulus und den ihm Gleichmäßigen in solcher Fülle und Vollkommenheit vorhanden gewesen sei, daß sie die Religion mehr durch die Mahnung ihrer Tugenden als ihrer Worte lehrten. Oder was ist es, daß sie in der beständigen Sorge für alle Kirchen und in kummervoller Wachsamkeit sich stets verzehrten? Welch eine Tugend der Barmherzigkeit ist Das, für die Geärgerten zu entbrennen, mit den Schwachen schwach zu sein? Wenn also der Apostel Überfluß hatte an solchen Gnadengaben, 1 so [S. 353] werden wir nicht verstehen können, was es denn für ein Gutes sein sollte, dessen Vollbesitz er entbehrte, wenn wir nicht in dieselbe Gesinnung eingehen, in welcher der Apostel sprach. Obgleich nun alle die Tugenden, deren Besitz wir ihm zuschrieben, wie glänzende und kostbare Edelsteine sind, so wird doch ihr Werth im Vergleiche mit jener herrlichen und vornehmsten Perle, welche der Kaufmann im Evangelium sucht und mit Hingabe all seines Besitzes zu erwerben verlangt, so gering und verächtlich, daß, wenn man sie alle ohne Zögern wegnehmen würde, der Besitz jenes einzigen Guten Denjenigen reich machte, der selbst unzählige Güter verkauft hätte.

1: Wir wollen annehmen, daß Theonas die obengenannten Tugenden bei dem hl. Apostel &c. &c. als übernatürliche auffaßt, wenn es auch oben heißt, daß er „viel Gutes von Natur aus gehabt habe“. Es wäre wohl sonderbar, bei den von der Gnade so ganz durchdrungenen Aposteln noch die natürlich guten Neigungen zu erwähnen, die sie ja freilich hatten, die ihnen aber nie ein Verdienst für den Himmel verschafft hätten. Will Theonas aber der Natur solche Tugenden zuschreiben, so haben wir die Irrthümer der dreizehnten Unterredung in verstärkter Form. Allerdings haben die Menschen von Natur aus manche gute Anlage, der eine zur Bescheidenheit, der andere zu Andern, &c. &c.; aber solche Anlagen geben kaum ein zweifelhaftes natürliches, geschweige ein übernatürliches Verdienst. Möge also Jeder sich erforschen, wo seine Klippe ist, die ja Keinem fehlt, und nach deren Überwindung sich sein Werth richtet, und namentlich Jeder bedenken, daß wir für den Himmel giltige, übernatürliche Verdienste brauchen, die nur ein Leben aus dem Glauben geben kann, wie der Apostel sagt: „Mein Gerechter lebt aus dem Glauben.“

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger