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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Neunzehnte Unterredung, welche die des Abtes Johannes ist, über das Ziel des Mönches und des Einsiedlers.

[S. 251] 8. Antwort.

Johannes: Ich hatte schlechthin aussprechen können, daß ein und derselbe Mensch nicht in beiden Lebensweisen vollkommen sein könne, wenn mich nicht das Beispiel Einiger sehr zurückhalten würde. Denn es ist bei jeder derselben etwas Großes, einen Vollendeten zu finden; um wie viel mehr ist es offenbar schwierig und fast möchte ich sagen unmöglich für den Menschen, beide vollständig zu erfüllen! Wenn Dieß auch zuweilen vorgekommen ist, so kann es doch nicht sogleich zu einem allgemeinen Unheil erhoben werden. Denn nicht von dem kleinsten Theile ist die Regel herzunehmen, d. i. nicht von der Betrachtung der Wenigen, sondern von Dem, was der Fähigkeit Vieler, ja Aller entspricht. Wenn aber Etwas ganz selten und mir von den Wenigsten erreicht wird und die Möglichkeit der gemeinsamen Kraft überschreitet, so muß dasselbe als ein über den Zustand und die Natur der menschlichen Schwäche hinaus verliehenes Geschenk von den allgemeinen Geboten getrennt und nicht als Beispiel, sondern als Wunder vorgeführt werden. Deßhalb will ich euch Das, um was ihr fragtet, nach meiner gar mäßigen Einsicht beibringen. Das Endziel des Mönches ist, all seinen Willen zu tödten und zu kreuzigen und nach dem heilsamen Gebote der evangelischen Vollkommenheit nicht an den morgigen Tag zu denken. Es ist ganz gewiß, daß diese Vollkommenheit von Niemandem als von dem Mönche erreicht werden könne. Einen solchen Mann schildert der Prophet Isaias, preist ihn selig und lobt ihn wie folgt: 1 „Wenn du am Sabbathe deinen Fuß zurückhältst, so daß du nicht thuest deinen Willen an meinem hl. Tage; wenn du ihn verherrlichst, indem du nicht deine Wege wandelst und dein Eigenwille sich nicht zeigt, so daß du Geschwätz machst: dann wirst du dich freuen über den Herrn, und ich werde dich heben [S. 253] über die Höhen des Landes und dich speisen mit der Erbschaft deines Vaters Jakob; denn der Mund des Herrn hat’s geredet.“ Die Vollkommenheit des Eremiten aber besteht darin, den Geist ausgezogen zu haben von allem Irdischen und ihn, so weit es die menschliche Schwäche gestattet, mit Christus zu vereinen. Diesen Mann beschreibt der Prophet Jeremias und sagt: „Selig der Mann, der das Joch auf sich nahm von Jugend auf; er wird einsam sitzen und schweigen, weil er sich erhoben hat über sich selbst.“ Auch der Psalmist sagt: „Ähnlich bin ich geworden dem Pelikan der Wüste. Ich wache und bin geworden wie ein einsamer Sperling auf dem Dache.“ Wenn nun nicht Jeder von Beiden zu diesem Ziele gelangt, das wir einer jeden dieser Berufsarten eben zugesprochen haben, so strebt vergebens Jener nach der Zucht des Klosters, Dieser nach der der Anachorese. Denn Keiner von Beiden hat die volle Kraft seiner Lebensweise.

1: Is. 58, 13. 14.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger