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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Neunzehnte Unterredung, welche die des Abtes Johannes ist, über das Ziel des Mönches und des Einsiedlers.

6. Über die Nützlichkeit des Klosterlebens.

Deßhalb will ich kurz auseinandersetzen, welche Vortheile ich nun in dieser Lebensweise genieße. Ihr aber möget nach dieser Darlegung erwägen, ob jene Vortheile der Einsamkeit durch diese Wohlthaten ersetzt werden können, und ebenso dürfte klar werden, ob ich mich aus Ekel an jener einsiedlerischen Reinheit oder aus Verlangen nach derselben lieber durch die Schranken des Klosters einengen wollte. In diesem Stande also gibt es keine Pläne wegen der Tagesarbeit, keine Zerstreuung wegen Kauf und Verkauf, nicht die unvermeidliche Sorge wegen des jährlichen Brodes, kein Rechnen wegen körperlicher Dinge, durch welches nicht nur für die eigenen, sondern auch für die Bedürfnisse so vieler Ankömmlinge das Nöthige hergeschafft werden müßte, endlich keine Anmaßung wegen des Menschenlobes, die vor dem Angesichte Gottes unreiner ist als all das Vorige und auch die großen Mühen der Wüste häufig zu nichte macht. Um aber nun jene Wogen geistiger Überhebungen und die Gefahren der verderblichen Ruhmsucht, die bei jenem anachoretischen Leben vorkommen, zu übergehen, wollen wir zu jener allgemeinen Last Aller, nemlich zu der gemeinsamen Sorge, den Lebensunterhalt herbeizuschaffen, zurückkehren. Ich will nun Nichts davon sagen, daß hierin das Maaß jener alten Strenge, die den Gebrauch des Öles durchaus nicht kannte, ganz verdrängt wurde, aber man hat angefangen, nicht einmal mit dieser Nachsicht unserer Zeit zufrieden zu sein, in welcher, wenn ein Sextar 1 Öl und ein Maaß 2 Linsen für den Gebrauch [S. 249] der Fremden bereit war, hiemit alle Labungsspenden das ganze Jahr hindurch besorgt wurden, während jetzt mit dem doppelten und dreifachen Maaße das Nahrungsbedürfniß kaum befriedigt werden kann. Und so sehr hat bei Einigen die Macht dieser schädlichen Nachsicht zugenommen, daß sie der Mischung von Essig und Salzsaft nicht jenen einzigen Tropfen Öl beimischen, welchen unsere Vorgänger, die an den Gesetzen der Wüste mit größerer Entsagungskraft hiengen, nur zur Vermeidung der Prahlsucht einzuträufeln pflegten, sondern als Würze ägyptischen Käse hineinbröckeln und mehr Öl, als nöthig ist, darüber schütten, so daß sie zwei Speisen von je eigenem, verschiedenem Wohlgeschmack, welche einzeln und zu verschiedenen Zeiten die Mönche hätten ganz angenehm erquicken können, mit einem und demselben Geschmacksreize nehmen. Und in der That, soweit hat diese uns ἀλκῆς χρῆσις, d. i. dieser Besitz materieller Dinge überhand genommen, daß die Anachoreten, was ich ohne Scham nicht sagen kann, unter dem Vorwande der Menschlichkeit und des Empfanges der Fremden angefangen haben, das Oberkleid 3 in ihren Zellen zu haben. Nichts zu sagen von Dem, was die erstaunte und stets auf geistige Schauungen aufmerksame Seele besonders beschwert, nemlich von dem Zusammenlauf der Brüder, von den Pflichten der Aufnahme und Begleitung, von den gegenseitigen Besuchen, den verschiedenen Gesprächen und der nimmer endenden Sorge und Geschäftigkeit. Ja die Erwartung solcher Dinge zerstreut selbst zu der Zeit, wo diese Hindernisse aufzuhören scheinen, das von der beständigen, gewohnten Unruhe hingehaltene Gemüth. Und so geschieht es, daß jene Freiheit der Anachorese, durch solche Bande gehindert, nicht zu jener unaussprechlichen Heiterkeit des Herzens gelangt, da der Aufschwung gehemmt ist und daß sie die Frucht des Eremitenberufes verliert. Wenn mir [S. 350] nun diese jetzt, wo ich in der Gemeinde und unter Schaaren lebe, gleichfalls verweigert ist, so wird mir doch die Ruhe der Seele und die von allen Geschäften freie Stille des Herzens nicht mangeln. Wenn diese nicht auch den in der Wüste Wohnenden zu Gebote steht, so werden sie zwar die Mühen der Anachorese tragen, aber um deren Frucht betrogen werden, weil diese nur bei ruhiger Festigkeit des Geistes erlangt wird. Wenn mir, endlich auch in meinem Klosterleben von jener Reinheit des Herzens Etwas abgeben sollte, so werde ich doch mit der Erfüllung des evangelischen Gebotes zufrieden sein, welches sicher all jenen Früchten der Einsamkeit nicht nachgesetzt weiden kann, daß ich nemlich wegen des morgigen Tages nicht denke und, bis zum Ende unterwürfig gegen den Abt. Jenen einigermaßen nachzuahmen scheine, von dem es heiß: 4 „Er erniedrigte sich selbst und wurde geboren bis zum Tode.“ So möge ich auch würdig sein, dessen Wort in Demuth nachzusprechen: 5 „Ich bin nicht gekommen, meinen Willen zu thun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat, des Vaters.“

1: Sextar, der sechste Theil des congius, faßte 1 ½ Pfd.
2: Dieser modius betrug Etwas mehr als sechsundzwanzig Pfund.
3: Ein Kleidungsstück, das die Mönche sonst nur im Falle der Krankheit nahmen.
4: Philipp. 2, 8.
5: Joh. 6, 38.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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