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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Neunzehnte Unterredung, welche die des Abtes Johannes ist, über das Ziel des Mönches und des Einsiedlers.

4. Von der Tugend, welche der genannte Greis im anachoretischen Leben übte.

Wenn nun Jemand voll Freude über die Einsamkeit der Wüste den menschlichen Umgang der Vergessenheit übergeben hat und mit Jeremias sagen kann: „Und nach dem Tage des Menschen verlange ich nicht, du weißt es,“ so gestehe ich, daß auch ich mit der Gnade des Herrn Dieß entweder erlangte oder doch zu erlangen mich anstrengte. Ich wurde also, wie ich mich erinnere, durch das gnädige Geschenk des Herrn häufig in eine solche Entzückung hingerissen, daß ich vergaß, wie ich noch mit der Last der körperlichen Gebrechlichkeit beladen sei, und mein Geist warf alle äusseren Sinne plötzlich so von sich und weilte so durchaus ferne von allen sinnlichen Dingen, daß weder Augen noch Ohren ihren eigentlichen Dienst verrichteten. Und so sehr wurde das Gemüth mit göttlichen Betrachtungen und geistigen Anschauungen erfüllt, daß ich oft am Abende nicht wußte, ob ich Speise genommen habe, und am andern Tage über die gestrige Beendigung des Fastens völlig im Zweifel war. Deßhalb wird auch am Samstage die Speise für sieben Tage, nemlich sieben Paare Zwieback zur Prüfung in das Procherium, d. i. den Handkorb gelegt, damit die unterlassene Labung nicht verborgen bleibe. Durch diese Gewohnheit wird auch ein anderer Irrthum der Vergeßlichkeit ausgeschlossen, so daß die beendigte Zahl der Brote die abgelaufene Woche und die Wiederkehr des Festtages anzeigt und die Feier des heiligen Tages sowie die Festversammlung dem Einsiedler nicht verborgen bleiben können. Wenn nun aber jene genannte Entzückung des Geistes auch diese Ordnungsanzeichen trüben sollte, so hält nichts destoweniger die Art der täglichen Arbeit, welche die Tageszahl anzeigt, den Irrthum ab. Um aber nun die weitern Tugendübungen der Wüste mit Stillschweigen zu übergehen, — denn wir [S. 247] haben ja nicht von ihrer Zahl und Menge, sondern von dem Ziele der Einsamkeit und des Klosterlebens zu handeln, — so will ich vielmehr kurz die Ursachen entwickeln, warum ich dieselbe lieber verlassen wollte, und diese habt ihr ja auch erfahren wollen. Dann will ich auch mit kurzen Worten alle jene erwähnten Früchte der Einsamkeit berühren, in wiefern ich nemlich sagen möchte, daß sie höhern Verdiensten nachzusetzen seien.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger