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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Neunzehnte Unterredung, welche die des Abtes Johannes ist, über das Ziel des Mönches und des Einsiedlers.

16. Antwort, aus welchen beweisenden Anzeichen sie erkannt werden könne.

Der Untersuchung, welche, auch wenn ihr geschwiegen hättet, unserm Vortrage hätte folgen müssen, ist eure kluge Frage zuvorgekommen und deßhalb zweifle ich nicht, daß sie von eurer Einsicht wirksam werde erfaßt werden, da ja die Schärfe eures Geistes unserer Belehrung vorauseilte. Denn ohne Mühe wird das Dunkel einer jeden Forschung erhellt, wenn eine Frage ihre Vollendung vorausnimmt und dabin voraneilt, wohin sie zu führen ist. Also den Mitteln für die obengenannten Laster schadet der Umgang mit Menschen nicht nur Nichts, sondern fördert sie in Vielem. Denn je mehr derselbe durch die öftere Aufdeckung der noch häufig vorkommenden Ungeduld den Überwundenen einen beständigern Reueschmerz verursacht, um so schneller bringt er den Kranken die Gesundheit. Deßhalb müssen wir auch in der Einsamkeit, wenn der Zunder und Stoff der Reizungen nicht von Seite der Menschen kommen kann, uns sogar absichtlich Aufregendes wiederholt vorstellen, damit, wenn wir im beständigen Gedankenkampfe dagegen ringen, das Heilmittel uns um so schneller zu Theil werde. Aber [S. 261] bei dem Geiste der Unzucht ist das Verhältniß anders, und verschieden die Sache. Denn wie man dem Leibe den Genuß der Lust und die Nähe des Fleisches vollkommen entziehen muß, so auch dem Geiste die Erinnerung daran. Ist es ja doch für die noch schwachen und kranken Herzen gefährlich genug, auch nur die geringste Erinnerung an diese Leidenschaft zuzulassen, so daß ihnen zuweilen selbst bei dem Gedanken an hl. Frauen, oder bei der Erzählung der heiligen Lesung der Reiz eines gefährlichen Kitzels erweckt wird. Deßhalb pflegen auch unsere Altväter in kluger Weise derartige Lesungen in Gegenwart der Jüngern zu übergehen. Wahrhaftig, den Vollkommensten und den in der höchsten Liebe zur Keuschheit Vollendeten können Prüfungen, durch welche sie sich zu erforschen vermögen, nicht fehlen, und es wird durch diese die vollkommenste Reinheit des Herzens in dem unverdorbenen Urtheile des Gewissens bewährt. Also dem ganz vollendeten Manne wird auch bei dieser Leidenschaft eine den obengenannten ähnliche Selbstprüfung zu Gebote stehen, daß er nemlich in dem Bewußtsein, die Wurzeln dieser Krankheit völlig ausgerissen zu haben, zuweilen zur Erforschung der Keuschheit, wenn er will, eine prüfende Vorstellung zulassen kann. Aber von Jenen, welche noch weniger stark und vollkommen sind, darf diese Prüfung durchaus nicht angemaßt weiden, daß sie die Verbindung mit Frauen und gewissermaßen ein zartes und weiches Berühren im Herzen versuchen; denn das wird ihnen mehr schädlich als heilsam sein. Denn welcher derartige Versuch kann in dieser Beziehung den Menschen zu Gebote stehen, wenn im Versuche selbst schon das ist, was man meidet, und in der Probe selbst schon die Gefahr? Wenn also ein in der vollkommensten Tugend Gegründeter merkt, daß bei der Lockung schmeichelnder Gedanken keine Zustimmung des Geistes, keine Erregung des Fleisches in ihm entstehe, so mag er die sichersten Beweise seiner Reinheit hinnehmen, so daß er durch die Übung in dieser Stärke der Reinheit den Schatz der Keuschheit und Unverletztheit nicht nur im Geiste besitze, son- [S. 262] dern auch das Gefühl der Leidenschaft durchaus nicht kenne, wenn, wie es zu geschehen pflegt, irgend eine nothwendige Veranlassung ihn zu der körperlichen Berührung eines Weibes bestimmt. Damit beschloß der Abt Johannes die Unterredung, da er merkte, daß es Zeit sei zur Labung der neunten Stunde.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger