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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Neunzehnte Unterredung, welche die des Abtes Johannes ist, über das Ziel des Mönches und des Einsiedlers.

14. Antwort über ihr Heilmittel.

Johannes: Denjenigen, welche um die Heilung ihrer Krankheiten bekümmert sind, wird ein nützliches Mittel nicht fehlen können, und deßhalb sind in derselben Weise, in welcher die Anzeichen eines jeden Lasters entdeckt werden, auch die Arzneien zu suchen. Denn, wie wir gesagt haben, daß den Einsiedlern die Laster des menschlichen Umganges nicht fehlen, so läugnen wir auch nicht, daß das Streben nach den Tugenden und die Mittel zur Gesundheit Allen, auch den von der Gesellschaft der Menschen Getrennten, zu Gebote stehen können. Wenn also irgend Einer an den oben angeführten Zeichen bemerkt hat, daß er von den Verwirrungen der Ungeduld oder des Zornes heimgesucht werde, so übe er sich immer durch gegentheilige Vorhalte und, indem er sich die verschiedensten Arten von Beleidigungen und Verlusten so vorstellt, als wären sie ihm von einem Andern zugefügt, gewöhne er seinen Geist, sich in Alles, was die Ruchlosigkeit anthun kann, mit vollkommener Demuth zu fügen; und indem er sich so alles Harte und Unerträgliche häufig vorstellt, sinne er beständig in aller Herzenszerknirschung nach, mit welcher Sanftmuth er demselben begegnen müsse. 1 Auf diese Weise wird er im Hinblicke [S. 258] auf die Leiden aller Heiligen und des Herrn selbst sagen, daß alle Arten der Schmähungen und auch der Strafen geringer seien, als er es verdient hätte, und wird sich zu jeder Ertragung von Schmerzen rüsten. Wenn er nun einmal durch eine Einladung zu den Versammlungen der Brüder gerufen wird, was nicht selten auch den strengsten Bewohnern der Wüste begegnen kann, und nun im stillen Gewissen merkt, daß sein Geist selbst bei jeder Kleinigkeit aufgeregt worden sei, so möge er sich, wie der strengste Richter der geheimen Bewegungen, sogleich jene härtesten Arten von Beleidigungen vorhalten, durch welche er sich zur vollkommenen Geduld in täglichem Sinnen einübte, und möge sich unter Zanken und Schelten so anreden: „Bist nun du, guter Mann, Derjenige, welcher sich bei jenen Übungen in der Ringschule der Einsamkeit herausnahm, alle Übel aufs Standhafteste überwinden zu können, und der da bei der Vorstellung nicht nur der ärgsten, bittersten Schmähungen, sondern auch unerträglicher Peinen längst glaubte, er sei hinlänglich stark und unerschütterlich für alle Stürme? Wie ist nun diese deine unbesiegbare Geduld durch das spielende Hinwerfen eines ganz leichten Wörtchens erschüttert worden? Wie hat ein leises Lüftchen dein Haus erbeben gemacht, da es doch auf dem festesten Felsen mit solcher Wucht, wie dir schien, erbaut war? Wo ist es nun, was du voll eitler Zuversicht im Verlangen nach Krieg mitten im Frieden ausriefest: 2 „Ich bin bereit und nicht verwirrt“? Und wie oft hast du mit dem Propheten gesagt: 3 „Erforsche mich, o Herr, und prüfe mich! Brenne aus meine Nieren und mein Herz;“ und: 4 „Erprobe mich, o Herr, und durchschaue mein Herz, frage mich und untersuche meine Wege und siehe, ob ein Weg der Ungerechtigkeit in mir ist!“ Wie hat nun ein kleiner Schatten des Feindes die ungeheure Streitrüstung niedergeschreckt?“ Mit [S. 259] solch reuigem Tadel also verurtheile er sich selbst und dulde nicht, daß die kleine Erregung seines Gemüthes ungestraft bleibe, sondern züchtige sein Fleisch mit strengerer Buße des Fastens und Nachtwachens, kreuzige die Schuld seiner Veränderlichkeit mit beständigen Strafen der Entsagung, und verzehre so, da er einmal in der Einsamkeit ist, durch dieses Übungsfeuer Das, was er im Klosterleben hätte völlig ausbrennen sollen. Wahrhaftig, zur Erlangung einer beständigen und festen Geduld müssen wir auch beständig und unerschütterlich festhalten, daß es uns nicht erlaubt sei, wegen irgend eines Verlustes oder einer Reizung uns zum Zorne bewegen zu lassen, da uns ja durch das göttliche Gesetz nicht nur die Rache wegen Beleidigungen, sondern auch die Erinnerung an dieselben verboten ist. Denn welch’ größerer Verlust kann der Seele begegnen, als daß sie, durch die plötzliche Blindheit der Aufregung der Klarheit des wahren und ewigen Lichtes beraubt, sich von der Betrachtung Desjenigen entfernt, der da sanft ist und demüthig von Herzen. Was, frage ich, ist verderblicher und häßlicher, als wenn Jemand das anständige Urtheil, die Regel und Lehre der rechten Unterscheidung verliert und im gesunden und nüchternen Zustande das thut, was nicht einmal ein Trunkener und Unsinniger verzeihlicher Weise hätte zulassen dürfen. Wer immer also diese und die übrigen ähnlichen Nachtheile erwägt, der wird nicht nur alle Arten von Schaden, sondern auch, was immer an Beleidigungen und Qualen von den Grausamsten ihm zugefügt werden kann, leicht ertragen und verachten, indem er der Überzeugung ist, daß Nichts verlustreicher sei als der Zorn, noch kostbarer als die Ruhe des Gemüthes und die immerwährende Reinheit seines Herzens. Wegen dieser muß man nicht nur die Annehmlichkeiten der fleischlichen Dinge verachten, sondern auch jener, welche geistig scheinen, wenn sie nicht anders erworben oder vervollkommt werden können als mit Störung dieser Ruhe.

1: Eine sehr gefährliche Uebung, die zwar den nach der höchsten Vollkommenheit strebenden Einsiedlern angemessen ist, Andern aber nicht wohl gerathen werden kann und den zu Aengstlichkeit und Skrupeln Geneigten aufs Strengste verboten werden muß. So hat z. B. der hl. Philipp Neri mit mehreren seiner Schüler täglich diese Uebung gemacht. Andere aber entschieden zurückgewiesen, weil sie ihnen geschadet hätte.
2: Ps. 118, 60.
3: Ps. 25, 2.
4: Ps. 138, 23. 24.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger