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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Neunzehnte Unterredung, welche die des Abtes Johannes ist, über das Ziel des Mönches und des Einsiedlers.

12. Antwort, wie ein Einsiedler seine Fehler zu erkennen vermöge.

Johannes: Denjenigen, welche in Wahrheit Heilung suchen, können die Hilfsmittel von jenem wahrsten Seelenarzte nicht fehlen, besonders Jenen, welche ihre Gebrechen nicht in Verzweiflung oder Nachlässigkeit mißachten noch auch die Gefahr ihrer Wunden verheimlichen oder das Mittel der Buße mit verstocktem Geiste abweisen, sondern die wegen der Krankheiten, welche sie sich aus Unwissenheit und Irrthum oder in der Bedrängniß zugezogen haben, [S. 255] endlich mit demüthigem und vorsorglichen Geiste zum himmlischen Arzte fliehen. Wir müssen also wissen, daß, wenn wir mit ungeheilten Lastern in die Wüste oder an verborgene Orte gehen, wohl ihre Wirkung unterdrückt, nicht aber die Neigung zu denselben ausgelöscht wird. Denn es verbirgt sich in uns und schleicht sogar fort die Wurzel aller Sünden, so lange sie nicht ausgerissen ist, und wir werden an folgenden Zeichen merken, daß sie noch in uns lebt. Zum Beispiel: Wenn wir während unseres einsamen Wohnens die Ankunft von Brüdern oder selbst das kürzeste Verweilen derselben mit einer gewissen Angst und Aufregung des Gemüthes hinnehmen, so wissen wir, daß noch ein sehr lebhafter Zunder der Ungeduld in uns sei. Wenn wir aber die Ankunft eines Bruders hoffen und nun bei seiner durch irgend welche Nothwendigkeit veranlaßten Zögerung auch nur ein stiller Unwille seine zu große Langsamkeit tadelt und unsern Geist die Unruhe des zu heftigen Erwartens verwirrt, so bestätigt die Erforschung unseres Gewissens, daß noch die Laster des Zornes und der Traurigkeit offenbar in uns Platz haben. Ebenso wenn ein Bruder ein Buch zum Lesen von uns verlangt oder irgend etwas Anderes zu seinem Gebrauch, uns aber seine Bitte betrübt oder Jenen unser Nein zurückweist, so ist kein Zweifel, daß wir noch von den Fesseln des Geizes oder der Geldgier gehemmt sind. Wenn uns irgend ein plötzlicher Gedanke oder der Verlauf der hl. Lesung die Erinnerung an ein Weib beigebracht hat und wir uns dabei von einem gewissen Kitzel berührt fühlen, so mögen wir wissen, daß die Glut der Unzucht in unsern Gliedern noch nicht erloschen sei. Wenn aber bei der Begleichung unserer Strenge um fremder Gemächlichkeit unsern Geist auch nur die leiseste Überhebung versucht, so ist es gewiß, daß wir von der grausamen Pest des Hochmuthes angesteckt seien. Wenn wir also in unsern Herzen diese Zeichen der Laster entdeckt haben, so müssen wir klar erkennen, daß uns nicht die Neigung zur Sünde fehle, sondern nur deren Ausübung. In der That, wenn diese Leidenschaften, sobald wir uns [S. 256] einmal in den Umgang mit Menschen einlassen, sogleich aus den Höhlen unserer Sinnlichkeit hervorbrechen, so beweisen sie, daß sie nicht erst bei ihrem Ausbruche entstanden, sondern daß sie sich da erst öffentlich zeigten, weil sie lange verborgen waren. So erkennt auch der Einsiedler an sichern Zeichen bei jedem Laster, ob die Wurzeln desselben ihm anhaften, wenn er nur bestrebt ist, seine Reinheit nicht vor den Menschen zu zeigen, sondern sie unverletzt dem Auge Desjenigen darzustellen, welchem kein Geheimniß des Herzens verborgen sein kann.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger