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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Achtzehnte Unterredung, welche die des Abtes Piammon ist, über drei alle Arten von Mönchen und eine vierte, neu entstandene.

[S. 219] 6. Von dem Orden der Anachoreten und seinem Anfang.

Aus der Zahl dieser Vollkommenen sind, so zu sagen wie aus der fruchtbarsten Wurzel auch die Blüthen und Früchte der hl. Anachoreten hervorgegangen. Als die Ersten in dieser Lebensweise sind, wie wir wissen, die kurz vorher Erwähnten, nemlich der hl. Paulus oder der heilige Antonius aufgestanden. Diese haben nicht wie Einige aus Verzagtheit oder aus krankhafter Ungeduld, sondern aus Sehnsucht nach einem höhern Fortschritt und nach göttlicher Beschauung die Verborgenheit der Wüste gesucht, obwohl man von dem Erstern sagt, er sei in der Bedrängniß in die Wildniß gezogen, als er zur Zeit der Verfolgung den Nachstellungen seiner Verwandten entgehen wollte. So gieng also aus der besagten Schule eine andere Art des vollkommenen Lebens hervor, dessen Nachahmer mit Recht Anachoreten, d. i. Weggehende genannt werden, weil sie nicht zufrieden sind mit dem Siege, in welchem sie unter den Menschen die heimlichen Nachstellungen des Teufels niederschlugen, sondern im offenen, sichtbaren Kampfe mit den Dämonen zusammenzutreffen wünschen und sich also nicht scheuen, in die unwirthbaren Schlupfwinkel der Wüste einzudringen, zur Nachahmung des Johannes des Täufers, der sein ganzes Leben in der Wüste blieb; auch des Elias und Elisäus und Jener, deren der Apostel in folgender Weise erwähnt: 1 „Sie giengen umher in Fellen, in Ziegenhäuten, darbend, geängstigt, mißhandelt, sie, deren die Welt nicht werth war, irrten umher in Wüsten, in Gebirgen und Höhlen und den Klüften der Erde.“ Von diesen sagt auch der Herr bildlich zu Job: 2 „Wer aber ist es, der den Waldesel frei ließ und seine Bande löste? Wer gab ihm zur Wohnung die Wüste und zum Zelte die Salzöde? Er lacht ob des Gedränges der Stadt und hört nicht das [S. 220] Schmähen des Treibers. Er sucht die Berge seiner Weide aus und spürt allem Grünen nach.“ Auch in den Psalmen heißt es: 3 „Nun mögen es sagen die Erlösten des Herrn, die er errettet hat aus Feindes Hand.“ Und gleich darauf: „Sie irrten in der Wüste, in wasserloser Gegend, den Weg zu einer Stadt des Wohnsitzes fanden sie nicht. Sie hungerten und dürsteten, ihre Seele verschmachtete in ihnen. Aber sie riefen zum Herrn in der Bedrängniß, und aus ihren Nöthen befreite er sie.“ Diese schildert auch Jeremias in folgender Weise: 4 „Selig, wer das Joch aufnimmt von seiner Jugend an; einsam wird er sitzen und schweigen, weil er sich erhoben hat über sich.“ Solche singen mit Herz und That jenes Wort des Psalmisten: 5 „Ich bin ähnlich geworden dem Pelikan in der Wüste …; schlaflos bin ich und bin geworden wie ein einsamer Sperling auf dem Dache.“ 6

1: Hebr. 11, 37. 38.
2: Job 39, 5 ff.
3: Ps. 106, 2. 4 ff.
4: Jerem. (Klagel.) 3, 27. 28.
5: Ps. 101, 7. 8.
6: Paulus war der erste Eremite, Antonius der erste Lehrer dieser Lebensweise. Paulus, ein sehr gebildeter und wohlhabender Jüngling, war während der Verfolgung des Decius in einem Alter von fünfzehn Jahren aus seiner Vaterstadt in der untern Thebais in die Wüste geflohen, in welcher er fast 100 Jahre verweilte, Niemandem bekannt, bis ihn kurz vor seinem Tode der hl. Antonius besuchte. Er starb 343 n. Chr. in einem Alter von 113 Jahren. Antonius aber starb 358, 105 Jahre alt. Nachdem er zwanzig Jahre in der Wüste gelebt hatte, errichtete er mehrere Klöster, lehrte viele Schüler das mönchische und anachoretische Leben und gieng dann wieder in die Einöde zurück bis zu seinem Tode.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger