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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Achtzehnte Unterredung, welche die des Abtes Piammon ist, über drei alle Arten von Mönchen und eine vierte, neu entstandene.

17. Über das Übel des Neides.

Man muß nun fürwahr wissen, daß die Krankheit des Neides schwerer zu einem Heilmittel komme als die übrigen Laster. Denn ich möchte fast sagen, daß es für Denjenigen kein Mittel gibt, welchen sie einmal mit ihrem pestartigen Gifte verdorben hat. Sie ist nemlich jene Seuche, von welcher es bildlich beim Propheten heißt: 1 „Siehe, ich sende über euch Schlangen, Basilisken, gegen die es keine Beschwörung gibt, und sie werden euch beissen.“ Mit Recht wird also von dem Propheten der Biß des Neides verglichen mit dem tödtlichen Gifte des Basilisken, da durch ihn jener erste Urheber und Beherrscher aller Gifte zu Grunde gieng und zu Grunde richtete. Denn er war zuerst sein eigener Mörder, ehe er es für den ward, welchen er beneidete, und ehe er gegen den Menschen das Todesgift ausgoß, vernichtete er sich selbst. Denn durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt, und es ahmen ihm nach, die auf seiner Seite sind. Wie nemlich Jener, welcher zuerst von der Pest dieses Übels ergriffen wurde, weder das Heilmittel der Buße noch irgend welche Pflege und Arznei zuließ, so haben auch Jene, welche sich von ebendenselben Bissen verwunden ließen, alle Hilfe der heiligen Beschwörung ausgeschlossen, weil sie in der Scham darüber, daß sie nicht über irgendwelche Schuld der Andern sich ärgern, sondern über deren Glück, die Wahrheit nicht eingestehen mögen, und sich nun was immer für unnöthige und thörichte Anlässe suchen, Anstoß zu nehmen. Weil diese nun durchaus falsch sind, so gibt es für sie eine gemeinsame Heilung, da jenes tödtliche Gift, welches sie nicht verrathen wollen, in ihrem Marke verborgen ist. Über diese drückt [S. 239] sich jener Weiseste ganz treffend aus: 2 „Wenn die Schlange beißt, ohne zu zischen, so hat keine Übermacht der Beschwörer.“ Denn das sind jene schweigenden Bisse, denen allein das Heilmittel der Weisen nicht zu Gute kommt. Denn so unheilbar ist dieses Verderben, daß es durch Zärtlichkeit bitterer, durch Dienstleistungen hochmüthiger, durch Geschenke gereizter wird, weil, wie derselbe Salomon sagt, die Eifersucht Nichts erträgt. 3 Denn je mehr der Andere durch demüthige Unterwürfigkeit oder in der Tugend der Geduld oder an Lob der Freigebigkeit fortschreitet, um so heftiger wird Jener von den Stacheln des Neides gequält, da er nur den Untergang oder den Tod des Beneideten begehrt. Konnte ja doch der Neid jener eilf Patriarchen so wenig durch irgend welche Unterwürfigkeit des unschuldigen Bruders besänftigt werden, daß es in der hl. Schrift von ihm heißt: 4 „Es beneideten ihn aber seine Brüder, weil ihn sein Vater liebte, und sie konnten nicht gut mit ihm reden“, bis ihre Eifersucht, die keine Sänftigung durch den diensteifrigen und unterwürfigen Bruder ertrug, bei dem Verlangen nach seinem Tode kaum durch das Verbrechen des Bruderschachers gesättigt weiden konnte. Es steht also fest, daß der Neid verderblicher und schwerer zu heilen ist als alle übrigen Laster, da er gerade durch die Mittel entflammt wird, durch welche die andern erlöschen. Denn wer z. B. erbittert ist über einen ihm zugefügten Schaden, der wird durch die Entschädigung der Freigebigkeit geheilt: wer über eine erlittene Beleidigung sich ärgert, wird versöhnt durch demüthige Genugthuung. Was willst du aber mit Jenem thun, der gerade dadurch, daß er dich demüthiger und gütiger sieht, noch mehr erzürnt wird, den nicht die Habsucht, welche durch Geld befriedigt wird, nicht die Beleidigung zum Zorne entflammt oder der Durst nach Rache, der durch schmeichelnde Dienste besiegt wird, sondern den nur Erfolg und Glück des Andern reizt? Wer aber wird [S. 240] denn, um den Neidischen zufrieden zu stellen, wünschen, um sein Gut zu kommen, seines Glückes verlustig zu werden oder in irgend ein Unglück zu fallen? Damit also der Basilisk nicht Alles, was in uns lebendig ist und gleichsam durch den Lebenshauch des hl. Geistes beseelt wird, mit einem einzigen Bisse dieser Bosheit tödte, laßt uns beständig die göttliche Hilfe, der Nichts unmöglich ist, anflehen. Denn das übrige Schlangengift, nemlich die fleischlichen Sünden oder Laster, in welche die menschliche Schwachheit leicht hineingeräth, von denen sie aber auch leicht gereinigt wird, haben doch einige Kennzeichen ihrer Wunden im Fleische, und wenn von diesen auch der irdische Körper sehr gefährlich anschwillt, so kommt doch, wenn irgend ein in den göttlichen Liedern sehr erfahrener Beschwörer das Heilmittel des Theriak 5 oder das Mittel der heilsamen Worte anwendet, das giftige Verderben nicht bis zum ewigen Tode der Seele. Aber Das Gift des Neides, das wie von einer Königsschlange (Basilisk) ausgespritzt ist, nimmt das Leben der Religion und des Glaubens, ehe die Wunde im Körper gefühlt wird. Denn nicht gegen einen Menschen, sondern wahrhaft gegen Gott selbst erhebt sich in Lästerung, wer an dem Bruder Nichts als das Wohlverdienst benergelt und nicht die Schuld des Menschen, sondern nur Gottes Verfügung tadelt. Das ist wohl jene nach oben treibende Wurzel der Bitterkeit, 6 die sich zum Himmel richtet und den Schöpfer selbst, der den Menschen Gutes verleiht, zu schmähen trachtet. Es soll nun auch Niemanden beunruhigen, daß Gott droht, er werde Basilisken senden, um Jene zu beissen, durch deren Verbrechen er beleidigt werde. Denn obwohl es gewiß ist, daß Gott nicht der Urheber des Neides sein kann, so ist es doch billig und den göttlichen Gerichten entsprechend, daß, während den [S. 241] Demüthigen gute Gaben verliehen, den Hochmüthigen und Verworfenen aber verweigert werden. Diejenigen, welche nach dem Apostel verdienen, einer verwerflichen Sinnesart überlassen zu werden, der Neid verwunde und verzehre, gleich als wäre er vom Herrn geschickt, gemäß jener Stelle: 7 „Sie haben mich zur Eifersucht gereizt durch einen Nicht-Gott, und ich will sie eifersüchtig machen durch ein Nicht-Volk.“ Durch diese Unterredung entzündete der gottselige Mammon noch heftiger unser Verlangen, gemäß welchem wir aus der ersten Schule des Klosterlebens zu der zweiten Stufe, der Anachorese, zu streben begonnen hatten. Denn die Anfangsgründe des einsamen Lebens, dessen Kenntniß wir nachher in der scythischen Wüste vollständiger erlangten, haben wir durch seinen Unterricht zuerst erfahren.

1: Jerem. 8, 17.
2: Pred. 10, 11.
3: Sprüchw. 6, 34.
4: Gen. 37, 4.
5: Theriak (θηριακή), ein aus verschiedenen Stoffen und dem Fleische von Vipern bereitetes, für sehr wirksam gehaltenes Gegengift.
6: Hebr. 12, 15.
7: V. Mos. 32, 21.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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