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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Achtzehnte Unterredung, welche die des Abtes Piammon ist, über drei alle Arten von Mönchen und eine vierte, neu entstandene.

16. Von der Vollkommenheit der Geduld.

Ein doppelter Grund bestimmte mich zur Erzählung dieser That. Zuerst daß wir die Festigkeit und Standhaftigkeit dieses Mannes erwägen und eine um so tiefere Stimmung der Ruhe und Geduld annehmen, je geringer die Nachstellungen des Feindes sind, mit denen wir angefochten werden, als jene, von welchen er heimgesucht wurde; dann daß wir es für fest ausgemacht halten, wir könnten vor den Stürmen der Versuchungen und den Kämpfen um dem Teufel nicht sicher sein, wenn wir den ganzen Schutz für unsere Geduld und all unser Vertrauen nicht in die Kraft unseres innern Menschen, sondern in den Verschluß der Zelle oder in die Verborgenheit der Wüste, auf den Umgang mit den Heiligen oder auf die Hilfe von irgend Etwas, was ausser uns ist, setzen. Denn wenn nicht Jener unsern Geist durch die Kraft seines Schutzes stärkt, der im Evangelium sagt: 1 „Das Reich Gottes ist in euch“, so hoffen wir vergebens, die Nachstellungen unsers Feindes in der Luft entweder durch die Hilfe der bei uns wohnenden Menschen zu besiegen, oder durch örtliche Räume zu vermeiden oder durch den Schutz der Dächer aufzuschließen. Obwohl nemlich all dieses dem hl. Paphnutius nicht fehlte, so fand der Versucher doch einen Zugang für seine Anfechtung gegen ihn, und es trieben diesen schlechten Geist nicht die Schranken der Wände, nicht die Einsamkeit der Wüste, nicht die so vielen Verdienste der Heiligen in jener [S. 236] Gemeinde zurück. Weil aber der heilige Diener Gottes nicht auf Das, was aussen ist, sondern auf den Richter alles Verborgenen selbst sein Herz gerichtet hatte, so konnte er durch die Umtriebe einer so großen Anfechtung nicht im Mindesten erschüttert werden. Andererseits aber, genoß denn nicht Jener, welchen der Neid in eine solche Schandthat stürzte, die Wohlthat der Einsamkeit, den Schutz einer abgelegenen Wohnung, und den Umgang mit dem gottseligen Abte und Priester Isidor und andern Heiligen? Und doch hat der teuflische Sturm, der ihn auf dem Sand fand, sein Haus nicht nur schwer getroffen, sondern zerstört. Suchen wir also unsere Ruhe nicht aussen, noch laßt uns wähnen, daß fremde Geduld dem Laster unserer Ungeduld helfen könne. Denn wie das Reich Gottes in uns ist, so sind auch die Feinde des Menschen seine Hausgenossen. 2 Denn Niemand widersteht mir mehr als mein Sinn, der mir wahrhaft der innerste Hausgenosse ist. Und wenn wir also sorgsam sind, so werden wir von den innerlichen Feinden durchaus nicht verletzt werden können. Denn insoweit uns unsere Hausgenossen nicht widerstehen, wird das Reich Gottes in Ruhe des Geistes erlangt. Wenn du nemlich die Sache genau ansiehst, so kann ich von einem wenn auch bösen Menschen nicht verletzt werden, wenn ich nicht selbst mit unfriedlichem Herzen gegen mich kämpfe. Wenn ich aber verletzt werde, so ist das nicht die Schuld der fremden Anfechtung, sondern meiner Ungeduld. Denn wie eine schwere und feste Kost dem Gesunden nützlich ist, so ist sie dem Kranken zum Schaden. Sie kann aber dem, der sie nimmt, nicht nachteilig sein, wenn ihr nicht die Schwäche des Essenden die Macht zu schaden verleiht. Wenn also je unter den Brüdern eine solche Versuchung entstehen würde, so wollen wir uns durchaus nicht aus dem Geleise der Ruhe hinausdrängen lassen, um den gotteslästerlichen Beschimpfungen der Weltlichen den Zugang zu öffnen. Wir [S. 237] wollen uns auch nicht wundern, daß einige Verkehrte und und Verabscheuungswürdige in der Zahl heiliger Männer eingereiht und versteckt sein können, weil, solange wir auf der Tenne dieses Lebens zerschlagen und zerrieben werden, nothwendig auch die Spreu, die ins ewige Feuer gehört, mit dem auserwählten Getreide vermischt sein muß. Endlich wenn wir uns erinnern, daß der Satan unter den Engeln oder Judas unter den Aposteln und Nikolaus, 3 der Erfinder einer ganz verwerflichen Irrlehre, unter den auserwählten Diakonen war, so wird es nicht wunderbar sein, daß man auch ganz schlechte Menschen in der Gemeinde der Heiligen eingereiht findet. Denn obwohl Einige behaupten, dieser Nikolaus sei nicht jener gewesen, der von den Aposteln zum Amte der Dienstleistung erwählt worden war, so können sie doch nicht läugnen, daß er von der Zahl jener Schüler war, die, wie offenkundig ist, damals Alle so beschaffen und so vollkommen waren, wie wir jetzt kaum Einige in den Klöstern finden. Wir wollen also nicht den Sturz jenes obengenannten Bruders, der in dieser Wüste auf so traurige Weise gefallen ist, und nicht sein furchtbares Schandmal, das es freilich nachher mit vielen Thränen der Buße wegwusch, sondern vielmehr das Beispiel des hl. Paphnutius uns vor Augen stellen. Laßt uns ja nicht zu Grunde gehen durch die Wühlerei Desjenigen, dessen altes Laster des Neides durch die erheuchelte Religion nur noch schlechter wurde, sondern wir wollen mit aller Kraft die Demuth von Diesem nachahmen, wie sie ihm nicht die Wüste plötzlich erzeugt, sondern die Einsam- [S. 238] keit vollendet und ausgebildet hat, nachdem er sie unter den Menschen erworben hatte.

1: Luk. 17, 21.
2: Matth. 10, 36.
3: Der Stifter der Sekte der Nikolaiten war nach den Einen wirklich der Diakon Nikolaus (Apostelgesch. 6). So sagen Tertullian, Irenäus, Epiphanius, Hieronymus u. A. Dagegen hätten sich nach Andern diese Sektirer in lügnerischer Prahlerei nur selbst eine solche Abstammung beigelegt, während Diakon Nikolaus treu geblieben und von den Aposteln zum Bischof von Samaria erhoben worden sei.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger