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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Achtzehnte Unterredung, welche die des Abtes Piammon ist, über drei alle Arten von Mönchen und eine vierte, neu entstandene.

13. Von dem Beispiele der Geduld, das Abt Paphnutius gab.

Nun wollen wir das andere Beispiel des Abtes Paphnutius vorlegen. Dieser wohnte immer mit solchem Eifer in der Einsamkeit jener herrlichen und überall berühmten scythischen Wüste, daß ihm die übrigen Anachoreten den Beinamen Bubalus (Waldstier) gaben, weil er sich mit einer man möchte fast sagen angebornen Begierde immer an dem Wohnen in der Einöde erfreute. Da nun dieser schon im Knabenalter eine solche Tugend und Gnade besaß, daß selbst berühmte und sehr große Männer jener Zeit seinen Ernst und seine unerschütterliche Sündhaftigkeit bewunderten, und ihn, obwohl er dem Alter nach jünger war, doch wegen des Verdienstes seiner Tugenden den Alten gleichsetzten, in der Überzeugung, daß er ihren Reihen müsse einverleibt werden: da entzündete jener Neid, der einst die Bruderherzen gegen den Patriarchen Joseph aufgestachelt hatte, einen [S. 233] aus der Zahl der Brüder mit dem gefräßigen Feuer der Eifersucht. Da dieser nun die Schönheit des Andern mit Brandmal und Flecken zu entstellen wünschte, dachte er diese Art von Bosheit aus, daß er die Gelegenheit wahrnahm zur Zeit, als Paphnutius am Sonntag zur Kirche gieng und also von der Zelle abwesend war. In diese brach er nun wie ein Dieb ein, verbarg heimlich seinen Codex unter den Geflechten, welche jener aus Palmblättern zu machen pflegte, und kam dann, voll Sicherheit über den wohlangelegten Umtrieb wie mit reinem und einfältigem Gewissen selbst zur Kirche. Nachdem nun die ganze Feier dem Herkommen gemäß gehalten war, brachte er dem hl. Isidor, der vor ebendiesem Paphnutius Presbyter dieser Wüste war, vor allen Brüdern die Klage vor, es sei ihm ein Codex aus seiner Zelle durch Diebstahl abhanden gekommen. Als nun diese Klage die Gemüther Aller, besonders des Priesters, so erschüttert hatte, daß sie nicht wußten, was sie zuerst denken oder beschließen sollten, da drang bei dem allgemeinen Staunen über das dort so unerhört neue Verbrechen jener Ankläger, der die Sache gemeldet hatte, darauf, daß Alle in der Kirche zurückgehalten und nur einige Auserwählte abgesandt werden sollten, um die Zellen aller Brüder einzeln zu untersuchen. Als Dieß Dreien der Ältesten von dem Priester aufgetragen worden war, durchsuchten diese die Kammern Aller und fanden zuletzt in der Zelle des Paphnutius den verborgenen Codex unter den Palmgeflechten, die dort Siren heissen, wie ihn der Hinterlistige versteckt hatte. Als sie ihn nun sogleich zur Kirche gebracht und Allen vorgelegt hatten, da bot sich Paphnutius, obwohl er in Betreff seiner Gewissensreinheit sicher war, sogleich ganz zur Genugthuung an, als ob er das Verbrechen des Diebstahls anerkenne, und bat demüthig um Gelegenheit zur Buße. Er wollte insofern seiner Scham und Bescheidenheit nachgeben, als er durch den Versuch den Flecken des Diebstahls mit Gegenreden abzuwaschen, nicht auch noch mit dem der Lüge gezeichnet werden wollte, da ja doch Niemand etwas Anderes glauben würde, als [S. 234] was der Fund zeigte. Als er nun nicht so fast mit gebeugtem Geiste als mit Vertrauen auf das Urtheil Gottes sogleich aus der Kirche fortgegangen war, vergoß er beständig Thränen beim Gebete, verdreifachte seine Fasten und warf sich auch Angesichts der Leute mit der größten Geistesdemuth zu Boden. Aber nachdem er sich fast zwei Wochen so mit aller Zerknirschung des Geistes und körperlicher Buße gedemüthigt hatte, daß er am Sabbath oder Sonntag nicht zum Empfange der hl. Communion, sondern um sich an der Schwelle der Kirche niederzuwerfen und demüthig um Verzeihung zu bitten, in aller Frühe herbeieilte, da duldete jener Zeuge und Kenner alles Verborgenen nicht weiter, daß er sich selbst strafe oder von Andern verachtet werde. Denn was jener Erfinder der Schandthat, der ruchlose Dieb seiner eigenen Habe und schlaue Verderber fremden Rufes ohne menschlichen Zeugen begangen hatte, das offenbarte der Herr durch den Teufel, welcher der Anstifter des Verbrechens gewesen war. Jener nemlich veröffentlicht ergriffen von dem grausamsten Teufel, die ganze Hinterlift der heimlichen Nachstellung, und so war Ein und Derselbe ebenso der Verräther wie der Erfinder der Anschuldigungen und Betrügereien. So schwer und lange aber wurde er von diesem unreinen Geiste geplagt, daß er nicht einmal durch die Gebete der dort lebenden Heiligen, welche im Besitze der göttlichen Gnadengaben den Teufeln geboten, gereinigt werden konnte, ja daß nicht einmal die besondere Gnade des Priesters Isidor den Quälgeist von ihm austrieb. Obwohl diesem durch die Freigebigkeit des Herrn eine solche Kraft verliehen war, daß nie ein Besessener zu seiner Schwelle geführt wurde, der nicht schnell geheilt worden wäre, so wollte doch Christus diesen Ruhm dem jungen Paphnutius aufbewahren, so daß er nur durch die Gebete Desjenigen gereinigt würde, dem er nachgestellt hatte, und nur durch die Anrufung des Namens Dessen, dem er von seinem Lobe als neidischer Feind Etwas hinwegnehmen zu können geglaubt hatte. Verzeihung seines Verbrechens und das Ende seiner Strafe erlange. Diese Zei- [S. 235] chen also künftiger Befähigung deutete Jener schon damals in seiner Jugend an und zeichnete so schon in den Knabenjahren einige Umrisse jener Vollkommenheit, die mit der Reife sich mehren sollte. Wenn wir also zu dem Gipfel seiner Tugenden gelangen wollen, so müssen wir solche Grundlagen für den Anfang legen.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger