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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Achtzehnte Unterredung, welche die des Abtes Piammon ist, über drei alle Arten von Mönchen und eine vierte, neu entstandene.

14. Über das Beispiel von Geduld, das eine gewisse fromme Frau gab.

Von dieser Geduld also will ich euch zwei Beispiele vorlegen, und zwar das erste von einer gewissen frommen Frau, welche die Tugend der Geduld mit solcher Begierde suchte, daß sie nicht nur die Angriffe der Versuchungen nicht mied, sondern sich auch selbst Gelegenheiten zu Beschwerden verschaffte, um öfter Reizungen zu widerstehen. Da diese, nicht von niedrigen Ahnen entsprossen, zu Alexandria wohnte, und in dem Hause, welches ihr die Eltern hinterlassen hatten, dem Herrn religiös diente, kam sie zu dem Bischofe Athanasius seligen Andenkens und bat ihn, er möge ihr irgend eine Wittwe zu ernähren geben, die aus den kirchlichen Einkünften erhalten wurde. Und damit ich ihre Bitte mit ihren eigenen Worten ausdrücke, so sprach sie: „Gib mir irgend eine von den Schwestern, damit ich sie verpflege.“ Nachdem nun der Priester den Vorsatz des Weibes gelobt hatte, befahl er, weil er sie zu diesem Werke der Barmherzigkeit vollkommen bereit sah, man solle aus Allen eine Wittwe auswählen, die durch anständige Sitte, Ernst und Zucht vor Allen den Vorzug habe, damit nicht etwa das Verlangen nach Freigebigkeit durch die Fehler der Empfangenden überwunden würde, und so Jene, welche [S. 231] sich ein Verdienst um eine Arme zu erwerben suchte, durch die schlechten Sitten derselben Anstoß und Schaden im Glauben erlitte. Als nun diese in ihr Haus geführt worden war und sie ihr alle Dienste erwies, sah sie deren tugendhafte Bescheidenheit und Sanftmuth, und wie sie von derselben alle Augenblicke für die Liebeserweise mit Danksagung geehrt wurde, kehrte nach wenigen Tagen zu dem erwähnten Priester zurück und sprach: „Ich hatte gebeten, daß du mir Eine geben ließest, die ich pflegen und der Ich willfährig dienen könnte.“ Als dieser nun, Absicht und Verlangen der Frau noch nicht einsehend, in der Meinung, es sei ihre Bitte von dem Vorsteher absichtlich übersehen und vernachlässigt worden, nicht ohne Aufregung nach den Ursachen dieser Verzögerung forschte und sogleich erfuhr, es sei ihr eine Wittwe zugetheilt worden, anständiger als die übrigen: da befahl er heimlich, man möge ihr Jene geben, welche schlechter sei als alle Andern, die also entweder an Zorn oder Streitsucht, an Gewaltthätigkeit oder Geschwätzigkeit und auch an Eitelkeit Alle überträfe, welche von diesen Lastern beherrscht würden. Als man nun eine solche viel leichter fand und sie ihr ins Haus gab, diente sie derselben mit dem nemlichen Eifer wie der vorigen oder noch eifriger, hatte aber für alle diese Leistungen nur den Dank von ihr, daß ihr beständig unwürdige Beleidigungen angethan wurden, und daß sie mit fortwährenden Schmäh- und Schimpfworten gequält wurde, indem ihr dieselbe vorwarf und mit scheltender Verläumdung die Schuld aufbürdete, sie hätte sie nicht zur Erholung vom Bischofe verlangt, sondern um sie zu quälen und zu beschimpfen, und man habe sie mehr von der Ruhe zur Arbeit als von der Arbeit zur Ruhe gebracht. Als nun die beständigen Zänkereien so hervorbrachen, daß das freche Weib sich nicht einmal mehr enthielt, Hand an Jene zu legen, diese aber nur um so demüthiger die Dienstleistungen verdoppelte, so lernte sie die Wüthende besiegen nicht durch Widerstand, sondern durch immer demüthigere Unterwürfigkeit, so daß sie, obwohl gereizt durch so viel Unwürdiges, [S. 232] den Wahnsinn der Schmähenden durch liebevolle Sanftmuth beruhigte. Nachdem sie nun durch diese Übungen ganz befestigt war, und die vollkommene Tugend der ersehnten Geduld erlangt hatte, kam sie zu dem erwähnten Priester, um ihm sowohl für die getroffene Wahl, als auch für die Wohlthat ihrer Übung zu danken, weil er ihrem Wunsche entsprechend endlich ihr die beste Lehrmeisterin der Geduld verschafft habe, durch deren beständige Beschimpfungen sie wie durch das Öl der Ringschule täglich gestärkt wurde, und zu der höchsten innerlichen Geduld gelangen konnte. „Endlich“, sagte sie, „hast du mir eine gegeben, die ich erquicken konnte, denn jene erstere ehrte und pflegte ja vielmehr mich durch ihre Dienste.“ Es mag genügen, Dieß von dem weiblichen Geschlechte gesagt zu haben, damit wir durch diese Erzählung nicht nur erbaut, sondern auch beschämt werden, da wir die Geduld nicht bewahren können, wenn wir nicht nach Art der wilden Thiere in den Zellenhöhlen verborgen sind.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger