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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Sechzehnte Unterredung, welche die erste des Abtes Joseph ist, über die Freundschaft.

6. Auf welche Weise eine Verbindung unverletzt bewahrt werden könne.

Die ersten Grundlagen nun einer wahren Freundschaft [S. 144] bestehen in der Verachtung der weltlichen Güter und in der Geringschätzung aller Dinge, die wir haben. Denn es ist doch zu unrecht und lieblos, wenn, nachdem man der Eitelkeit der Welt und alles Dessen, was in ihr ist, entsagt hat, der so kostbaren Bruderliebe irgend ein ganz geringes Geräthe, das übrig blieb, vorgezogen wird. Das Zweite ist, daß ein Jeder seine eigenen Willensneigungen so beschneide, daß er nicht, in der Meinung, wie weise und wohlberathen er sei, lieber seinen Entscheidungen folge als denen des Nächsten. Das Dritte ist, daß Einer wisse, Alles, auch was er für nützlich und nothwendig hält, müsse dem Gute der Liebe und des Friedens nachgesetzt werden. Das Vierte, daß er glaube, man dürfe weder aus gerechten noch ungerechten Ursachen ganz in Zorn sein. Das Fünfte, daß er den Zorn des Bruders, den derselbe gegen ihn auch ohne Grund gefaßt hat, ebenso zu heilen verlange wie den eigenen, da er ja weiß, daß ihm der Widerwille des Andern ebenso gefährlich sei, als wenn er selbst gegen Andere sich aufrege, wenn er ihn nicht, so viel er kann, auch von dem Geiste des Bruders vertreibt. Das Letzte ist überhaupt das Vernichtungsmittel aller Laster, daß er nämlich glaube, jeden Tag von der Welt gehen zu müssen. Diese Meinung läßt nicht nur keine Traurigkeit im Herzen weilen, sondern unterdrückt auch alle Begierlichkeit und die Regungen aller Laster. Wer nun diese Punkte festhält, kann die Bitterkeit des Zornes und der Zwietracht weder erleiden noch hinzufügen. Sobald aber diese abgehen und jener Nebenbuhler der Liebe 1 das Gift der Verstimmung allmälig den Herzen der Freunde eingeträufelt hat, so wird er nothwendig durch häufige Zänkereien nach und nach die Liebe erkälten und die lange verwundeten Gemüther der Liebenden einmal trennen. Denn wie sollte von Demjenigen ein Same der Zwietracht ausgehen, der in der Richtung des angegebenen We- [S. 145] ges wandelt, auf welchem er mit seinem Freunde nie sich entzweien kann; der auch die erste Ursache der Streitigkeiten, die sich in kleinen Dingen und elenden Materien zu ergeben pflegt, mit der Wurzel ausrottet, weil er Nichts für sich in Anspruch nimmt; der ferner mit aller Anstrengung wahrt, was wir in der Apostelgeschichte von der Einheit der Gläubigen lesen: 2 „Die Menge aber der Gläubigen war ein Herz und eine Seele, und Keiner nannte Etwas von dem, was er besaß, sein eigen, sondern Alles war ihnen gemeinsam;“ endlich wie sollte ein solcher Same ausgehen von Dem, der nicht seinem eigenen Willen dient, sondern dem des Bruders und ein Nachahmer seines Herrn und Schöpfers geworden ist, der im Namen der Menschennatur, die er trug, redete und sprach: 3 „Ich bin nicht gekommen, meinen Willen zu thun, sondern den Willen Desjenigen, der mich gesandt hat“? Auf welche Weise dann könnte Der irgend einen Zündstoff des Streites anfachen, welcher in Betreff seines Verständnisses und seiner Einsicht nicht sowohl seinem eigenen Urtheil als der Prüfung des Bruders sich zu fügen entschlossen ist, indem er nemlich nach dessen Entscheidung seine neuen Gedanken entweder billigt oder verwirft und durch die Demuth seines frommen Herzens jenes evangelische Wort erfüllt: 4 „Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst“? Oder wie wird Der Etwas zulassen, wodurch ein Bruder betrübt würde, der da glaubt, daß Nichts kostbarer sei als das Gut des Friedens, eingedenk jenes Wortes des Herrn: 5 „Daran werben Alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe zu einander habt“? Durch diese sollte man nach dem Willen Christi wie an einem geistigen Siegel die Heerde seiner Schafe in der Welt erkennen, und durch dieses Kennzeichen sollten sie sich von den Übrigen unterscheiden. Warum sollte Der es ertragen können, die Herbe der Verstimmung [S. 146] entweder in sich aufzunehmen oder in einem Andern weilen zu lassen, dem es eine Hauptlehre ist, daß es keine gerechten Ursachen der Zornsucht geben könne, da sie verderblich und unerlaubt ist, und daß er ebensowenig beten könne, wenn der Bruder über ihn aufgebracht ist, als wenn er selbst dem Bruder zürnt, nach dem von dem Herrn und Erlöser uns auferlegten Gesetze, das er stets in demüthigem Herzen bewahrt: 6 „Wenn du deine Gabe zum Altare bringst und erinnerst dich dort, daß dein Bruder Etwas gegen dich habe, so laß dein Opfer vor dem Altare und gehe, dich zuerst mit deinem Bruder zu versöhnen; dann erst komm und opfere deine Gabe!“ Denn es nützt Nichts, wenn du zwar sagst, du zürnest nicht, und glaubst, du erfüllest jenes Gebot, nach welchem es heißt: 7 „Die Sonne soll nicht untergehen über eurem Zorn“ und 8 „Wer seinem Bruder zürnt, ist des Gerichtes schuldig;“ aber du verachtest mit hartnäckigem Herzen den Unwillen des Andern, den du durch deine Sanftmuth mildern könntest. Du wirst auf gleiche Weise wegen Übertretung des göttlichen Gebotes bestraft werden. Denn der Nämliche, welcher sagte, du dürfest nicht zürnen gegen den Andern, hat auch gesagt, daß die Betrübniß des Andern nicht verachtet werden dürfe; denn bei Gott, der alle Menschen gerettet wissen will, macht es keinen Unterschied, ob du dich selbst oder irgend einen Andern zu Grunde richtest. Geht ihm ja doch der gleiche Verlust durch den Untergang eines Jeden zu; und ebenso wird Jenem, welchem die Vernichtung Aller erwünscht ist, der gleiche Gewinn verschafft durch deinen oder des Bruders Tod. Endlich, wie wird Derjenige auch nur eine kleine Mißstimmung gegen den Bruder zurückbehalten können, der da sich ernstlich vorstellt, daß er täglich, ja sogleich aus dieser Welt scheiden werde?

1: Der Teufel oder die Begierlichkeit, von welcher er später redet.
2: Apostelg. 4.
3: Joh. 6, 38.
4: Matth. 26, 39.
5: Joh. 13, 35.
6: Matth. 5, 23.
7: Ephes. 4, 26.
8: Matth. 5, 22.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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