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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Sechzehnte Unterredung, welche die erste des Abtes Joseph ist, über die Freundschaft.

27. Wie der Zorn zu unterdrücken sei.

Wir müssen also alle Bewegungen des Zornes im Zaume halten und sie unter Leitung der Vernunft mäßigen, damit wir nicht durch den vorschnellen Zorn in jenes von [S. 165] Salomon verurtheilte Benehmen hineingerissen werden: 1 „Seinen ganzen Zorn schüttet der Thor aus: aber der Weise ordnet ihn in Theile,“ d. h. der Thor wird durch die Verstörung des Zornes in glühende Begierde versetzt, sich zu rächen, der Weise aber mindert dieselbe nach und nach durch reife Überlegung und Mäßigung und verdrängt sie. So ists auch mit dem Ausspruche des Apostels: 2 „Rächet euch nicht selbst, Geliebteste, sondern gebt Raum dem Zorne“; d. i. euer Gemüth soll nicht so in der Engherzigkeit der Ungeduld und Kleinmuth zusammengeschrumpft sein, daß es den wilden Sturm der Aufregung, wenn er kommt, nicht aushalten kann; sondern erweitert euch im Herzen, indem ihr die feindlichen Fluthen des Zornes aufnehmt in den ausgedehnten Grenzen jener Liebe, die Alles erträgt, Alles aushält; und so möge euer Geist, ausgedehnt durch die Weite der Langmuth und Geduld, heilsame Zufluchtsstätten der Überlegung in sich haben, in welchen der häßliche Rauch des Zornes, sobald er gewissermaßen in sie aufgenommen und zerstreut ist, sogleich verschwindet. Oder man muß die Stelle wenigstens so verstehen: Wir geben Raum dem Zorn, so oft wir uns der Aufregung des Andern mit demüthigem und ruhigem Geiste unterwerfen und der wüthenden Ungeduld nachgeben, indem wir gleichsam bekennen, daß wir jede Unbild verdienen. Dagegen Jene, welche die Bedeutung der apostolischen Vollkommenheit so wenden, daß sie glauben, es gäben Solche Raum dem Zorn, die von dem Zürnenden weggehen, — scheinen mir den Zündstoff der Uneinigkeit nicht zu tilgen, sondern zu nähren. Denn wenn der Zorn des Nächsten nicht sogleich durch demüthige Genugthuung überwunden wird, so reizt ihn die Flucht mehr, als daß sie ihn entfernt. Dem gleicht auch, was Salomon sagt: 3 „Sei nicht eilig in deinem Geiste zum Zürnen, denn der Zorn wohnt in der [S. 166] Brust der Thoren“ — und 4 „Stürze dich nicht schnell in Streit, damit es dich zuletzt nicht reue.“ Denn er klagt das schnelle Zürnen und Streiten nicht in dem Sinne an, daß er das langsame billigt. Ähnlich muß man auch Folgendes verstehen: 5 „Der Thor spricht seinen Zorn in der nemlichen Stunde aus; aber der Schlaue verbirgt die Schmähung.“ Denn daß die schmähliche Leidenschaft des Zornes von den Weisen verbürgen werden müsse, lehrt er nicht in dem Sinne, daß er die Schnelligkeit des Zornes anklagt, die Langsamkeit aber nicht verbietet; sollte jener durch den Zwang der menschlichen Schwäche doch eingebrochen sein, so meint er deßhalb, man müsse ihn verbergen, weil er für immer gelöscht werden kann, wenn man ihn für die Gegenwart weise verbirgt; denn es liegt in der Natur des Zornes, daß er durch Aufschub erkaltet und aufhört, aber, wenn man ihn herausläßt, mehr und mehr entbrennt. Man muß also die Herzen ausdehnen und weit machen, damit sie nicht, in kleinmüthiger Engherzigkeit eingeschrumpft, durch die stürmische Brandung des Zornes angefüllt werden und wir nicht mehr im Stande seien, dem Propheten entsprechend jenes gar weite 6 Gebot des Herrn im engen Herzen aufzunehmen und mit dem Propheten zu sprechen: 7 „Ich lief den Weg deiner Gebote, da du mir weit machtest mein Herz.“ Daß nemlich die Langmuth Weisheit ist, lehren uns die klarsten Zeugnisse der hl. Schriften: 8 „Der langmüthige Mann ist stark in der Klugheit, der kleinmüthige aber ist sehr thöricht.“ Und deßhalb erwähnt die hl. Schrift von Jenem, der so lobenswerth die Gabe der Weisheit vom Herrn erbat: 9 „Und Gott gab dem Salomon gar viele Weisheit und Klugheit und Weite des Heizens unermeßlich wie der Sand des Meeres.“

1: Sprüchw. 29, 11. Anders die Vulg.
2: Röm. 12, 19.
3: Pred. 7, 10.
4: Sprüchw. 25, 8. Vulg. sehr verschieden.
5: Sprüchw. 12, 16. Die folgende Exegese ist wohl abweichend von der gewöhnlichen, besonders nach dem Text der Vulg.
6: Ps. 118, 96.
7: Ps. 118, 32.
8: Sprüchw. 14, 29.
9: III. Kön. 4, 29.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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