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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Sechzehnte Unterredung, welche die erste des Abtes Joseph ist, über die Freundschaft.

22. Antwort, daß Christus nicht nur auf die That, sondern auch auf den Willen schaue.

Joseph: Wie kurz vorher gesagt wurde, muß man nicht nur auf Das sehen, was gethan wird, sondern auch darauf, wie beschaffen der Sinn und Vorsatz des Handelnden ist. Wenn ihr also mit tief gesammeltem Herzen erforschet, in welcher Gemüthsverfassung Das geschieht, was Einer thut, oder aus welchem Triebe es hervorgehe, so werdet ihr sehen, daß die Tugend der Geduld und Sanftmuth doch gewiß nicht durch den entgegengesetzten Geist der Ungeduld und des Zornes geübt werden könne. Wenn unser Herr und Erlöser, um uns zu einer gründlichen Tugend der Geduld und Sanftmuth anzuleiten, so daß wir sie nemlich nicht bloß mit den Lippen vorgeben, sondern sie in den tiefsten Abgründen unserer Seele geborgen haben, — wenn er uns also diese Formel der evangelischen Vollkommenheit gab, daß er sagte: „Wenn dich Jemand auf die rechte Wange schlägt, so reiche ihm auch die andere:“ so ist ohne Zweifel darunter zu verstehen: die andere rechte. 1 Welche andere [S. 161] rechte Gesichtsseite kann nun hier verstanden werden als, um mich so auszudrücken, die des innern Menschen? Dadurch also wollte der Herr von Grund aus jeden Zündstoff des Zornes aus den Tiefen unserer Seele entfernen, so daß nemlich, wenn deine äussere Rechte den Angriff des Schlagenden erlitten hat, auch der innerliche Mensch durch die demüthige Zustimmung seine Rechte zum Schlage darreiche, mitduldend mit dem Leiden des äussern, und gewissermaßen seinen Körper der Unbild des Schlagenden unterlegend und unterwerfend, damit ja durch die Mißhandlung des äussern Menschen der innere auch nicht eine verschwiegene Aufregung erleide. Ihr seht also, daß Jene weit von der evangelischen Vollkommenheit entfernt sind, denn diese lehrt die Geduld nicht mit Worten, sondern durch die innere Ruhe des Herzens zu bewahren und sie befiehlt uns, dieselbe bei widerlichen Begegnissen so wachsam festzuhalten, daß wir nicht nur uns selbst ferne halten von der Verwirrung des Zornes, sondern auch die durch ihre eigene Schuld Aufgeregten, wenn sie sich durch die Mißhandlung Genüge gethan haben, zur Sanftmuth zwingen, indem wir uns ihrer Ungerechtigkeit unterwerfen und ihre Wuth durch unsere Sanftmuth bezwingen. So werden wir auch jenes Wort des Apostels erfüllen: 2 „Laß dich nicht besiegen vom Bösen, sondern besiege das Böse im Guten!“ Das kann von Jenen sicherlich nicht erfüllt werden, welche die Worte der Demuth und Sanftmuth mit solchem Geiste und Dünkel vorbringen, daß sie den angefachten Zornesbrand nicht nur nicht sänftigen, sondern ihn sowohl in ihrem eigenen als in dem Gemüthe des erregten Bruders noch brennender machen. Wenn solche auch auf irgend eine Weise für sich selbst sanft und ruhig bleiben könnten, so werden sie selbst so keine Früchte der Gerechtigkeit ernten, da sie sich auf Kosten des Nächsten den Ruhm der Geduld verschaffen, und dadurch auf jede Weise von jener aposto- [S. 162] lischen Liebe entfernt sind, welche nicht das Ihrige sucht, sondern den Nutzen der Andern; denn nicht verlangt sie so nach Reichthum, daß sie sich Gewinn verschafft durch den Schaden des Nebenmenschen, und sucht nicht für sich Etwas zu erwerben durch die Beraubung eines Andern.

1: Nach einer auch vom hl. Hieronymus angenommenen Erklärungsweise der alten Mystiker darf man nicht die linke Wange verstehen, weil der Gerechte überhaupt nichts Linkes habe.
2: Röm. 12, 21.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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