Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Sechzehnte Unterredung, welche die erste des Abtes Joseph ist, über die Freundschaft.

3. Woher eine unauflösliche Freundschaft komme?

Unter all diesen ist nur eine Art der Liebe unauflöslich, die weder irgend eine Empfehlung noch die Größe einer Leistung oder Gabe noch die Beschaffenheit eines Vertrages oder der Drang der Natur vereinigt, sondern nur die Ähnlichkeit der Tugenden. Diese, sage ich, ist es, welche in keinem Falle zerreißt, und die nicht nur durch keine Kluft von Raum und Zeit aufgelöst und vernichtet zu werden vermag, sondern die nicht einmal der Tod selbst trennt. Das ist die wahre und unauflösliche Liebe, welche durch die beiderseitige Tugend und Vollkommenheit der Freunde entsteht. Ihren Bund, einmal eingegangen, wird weder die Verschiedenheit der Wünsche, noch die sich widerstreitende Willensrichtung auflösen. Übrigens haben wir Viele gekannt, welche sich Dieses vorgenommen hatten, und die nun, obwohl sie aus Liebe zu Christus in der wärmsten Freundschaft verbunden waren, doch dieselbe nicht beständig und ununterbrochen wahren konnten; weil sie zwar im guten Anfang des Bundes feststanden, aber nicht mit demselben und gleichen Eifer das begonnene Vorhaben einhielten; und so bestand unter ihnen eine gewisse zeitliche Neigung, weil sie nicht durch die gleiche Tugend Beider, sondern nur durch die Geduld des Einen bewahrt wurde. Obgleich diese von dem Einen großherzig und unermüdet [S. 142] festgehalten wird, so muß sie doch durch die Kleinlichkeit des Andern zerreissen. Die Schwächen nemlich Jener, welche zu lau nach der Gesundheit der Vollkommenheit streben, mögen mit noch so großer Geduld von den Starken geduldet werden, von den Schwachen selbst werden sie doch nicht ertragen. Denn sie haben eingewurzelte Ursachen zur Aufregung, welche sie nicht ruhig sein lassen, wie Jene, welche von leiblicher Krankheit belästigt sind, den von ihrem Magen und ihrem Unwohlsein herkommenden Ekel der Nachlässigkeit der Köche und Diener anzurechnen pflegen und, obwohl ihnen die größte Sorgfalt der Pflegenden zu Gebote steht, doch den Gesunden die Ursachen ihrer Aufregung zuschreiben, weil sie nicht merken, daß diese durch einen Fehler ihres körperlichen Befindens in ihnen selbst liegen. Es ist deßhalb, wie wir gesagt haben, nur jene Freundschaftsverbindung fest und unauflöslich, welche durch Gleichheit der Tugenden geschlossen wird; denn 1 „der Herr läßt wohnen in einem Hause, die gleicher Sitte sind“. Und deßhalb kann nur in Jenen eine ununterbrochene Liebe bleiben, in welchen ein und derselbe Vorsatz und Wille, gleiches Wollen und Nichtwollen sich findet. Wenn ihr also eine solche unverletzt bewahren wollet, so müßt ihr euch sehr angelegen sein lassen, nach Austreibung der Laster den eigenen Willen abzutödten und durch Vereinigung eueres Strebens und Vornehmens eifrig das zu erreichen, was den Propheten so entzückt: 2 „Siehe, wie gut es ist und wie lieblich, wenn Brüder in Eintracht wohnen.“ Das muß man nicht vom Orte, sondern vom Geiste verstehen. Denn es nützt Nichts, wenn Solche, die in Sitten und Vorhaben von einander abweichen, durch eine Wohnung vereinigt werden, und es schadet den in gleicher Tugend Gegründeten nicht, durch die Entfernung der Orte getrennt zu sein. Vor Gott nämlich vereint die Gemeinsamkeit der Sitten, nicht der Orte die Brüder zu einer Wohnung; [S. 143] und nie kann der Friede ungetrübt bewahrt werden, wo sich widersprechende Willensrichtungen finden.

1: Ps. 67, 7.
2: Ps. 132, 1.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
Bilder Vorlage

Navigation
. Mehr
. Neunte Unterredung, ...
. Zehnte Unterredung, ...
. Vorwort des Johannes ...
. Elfte Unterredung, ...
. Zwölfte Unterredung ...
. Dreizehnte Unterredung, ...
. Vierzehnte Unterredung, ...
. Fünfzehnte Unterredung, ...
. Sechzehnte Unterredung, ...
. . 1. Abt Josephs Herkommen ...
. . 2. Abhandlung desselben ...
. . 3. Woher eine unauflö...
. . 4. Frage, ob etwas ...
. . 5. Antwort, daß eine ...
. . 6. Auf welche Weise ...
. . 7. Daß man der Liebe ...
. . 8. Aus welchen Ursachen ...
. . 9. Daß man auch die ...
. . 10. Über die beste ...
. . 11. Daß es Solchen, ...
. . 12. Warum in der Unter...
. . 13. Daß die Liebe ...
. . 14. Über die Stufen ...
. . 15. Von Jenen, welche ...
. . 16. Daß unsere Gebets...
. . 17. Von Jenen, welche ...
. . 18. Von Jenen, welche ...
. . 19. Von Jenen, welche ...
. . Mehr
. Siebzehnte Unterredung, ...
. Vorwort des Johannes ...
. Achtzehnte Unterredung, ...
. Neunzehnte Unterredung, ...
. Zwanzigste Unterredung, ...
. Einundzwanzigste Unter...
. Zweiundzwanzigste Unte...
. Dreiundzwanzigste Unte...
. Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger