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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Sechzehnte Unterredung, welche die erste des Abtes Joseph ist, über die Freundschaft.

[S. 156] 18. Von Jenen, welche Geduld heucheln und die Brüder durch ihr Schweigen zum Zorne reizen.

Was ist es nun aber, wenn wir zuweilen geduldig zu sein glauben, weil wir es verschmähen nach einer Reizung zu antworten, während wir doch die aufgeregten Brüder durch dieß herbe Schweigen oder durch Bewegung und spöttische Geberde so verhöhnen, daß wir sie mit schweigender Miene mehr zum Zorne reizen, als Dieß aufbrausende Schmähungen vermocht hätten? Und da meinen wir nun, wir seien durchaus nicht schuldig vor Gott, weil wir Nichts mit dem Munde vorgebracht haben, was uns in dem Urtheile der Menschen hätte beflecken oder verdammen können; als ob bei Gott nur die Worte und nicht gerade besonders der Wille zur Schuld gerechnet würde und nur die im Werke vollbrachte Sünde, nicht auch die Begierde und das Vorhaben als Verbrechen gälte, oder als ob im Gerichte nur untersucht würde, was Jeder im Worte verschuldet, nicht auch, was er schweigend zu thun gesucht habe! Es ist ja nicht bloß die Beschaffenheit der zugefügten Reizung, sondern auch die Absicht des Reizenden schuldbar. Und deßhalb wird die wahrhafte Untersuchung unseres Richters nicht darnach forschen, wie der Zank wirklich entstanden ist, sondern durch wessen Schuld er entbrannte; denn es ist die Geneigtheit zur Sünde zu betrachten, nicht die Weise der Verübung. Was macht es doch für einen Unterschied, ob Einer den Bruder selbst mit dem Schwerte getödtet hat, oder ob er durch irgend eine Tücke zur Tödtung antrieb, wenn doch sicher ist, daß Jener durch seine List und Schuld um Das Leben kam? Das ist ja, als ob es hinreiche, einen Blinden nicht mit eigener Hand in den Abgrund gestoßen zu haben, da man doch ebenso schuldig wird, wenn man demselben keine Aufmerksamkeit schenken mag, obwohl man ihn zurückrufen könnte, ehe er in Gefahr und der Grube zu nahe kommt. Oder sollte nur Der ein Verbrechen auf sich haben, welcher mit eigener Hand irgend Einen erdrosselt hat, nicht aber auch Jener, welcher den Strick gemacht oder [S. 157] beigebracht hat, oder der ihn wenigstens nicht, so viel er konnte, hinwegräumen wollte? So nützt also das Schweigen Nichts, wenn wir es uns deßhalb auferlegen, um durch Schweigen zu erreichen, was die Schmähung bewirkt hätte, indem wir gewisse Geberden annehmen, durch welche Jener, den wir hätten heilen sollen, in heftigeren Zorne entbrennt, wir aber überdieß auf seine Kosten und Gefahr gelobt werden; als ob wir nicht gerade dadurch um so schuldbarer würden, daß wir uns durch das Verderben des Bruders Ruhm erwerben wollen! Es wird also ein solches Schwelgen für Beide gleich gefährlich sein, weil es in dem Herzen des Einen den Mißmuth nicht erlöschen läßt, wie es ihn in der Brust des Andern vermehrt. Gegen Solche ist recht eigentlich jener Fluch des Propheten gerichtet: 1 „Weh’ Dem, der den Trunk bietet seinem Freunde, einschenkend seine Galle und ihn berauschend, um seine Blöße zu sehen; erfüllt ist er mit Schmach statt mit Ehre;“ auch jene Stelle, in welcher durch einen Andern von Solchen gesagt wird: 2 „Denn jeder Bruder stellt mit Tücke die Falle, und jeder Freund geht auf Betrug aus; Jeder lacht seinen Bruder aus, und Wahrheit reden sie nicht;“ „denn sie spannen ihre Zungen als Bogen der Lüge und nicht der Wahrheit.“ Oft aber entzündet die heuchlerische Geduld noch mehr den Zorn, als die Rede gethan hätte, und übersteigt boshaftes Schweigen die heftigsten Beleidigungen mit Worten; auch erträgt man leichter die Wunden der Feinde als die hinterlistigen Schmeicheleien der Spöttischen. Von diesen heißt es treffend beim Propheten: 3 „Sanfter als Öl sind seine Reden, und doch sind sie Geschoße;“ und anderswo: 4 „Die Worte der Arglistigen sind weich, aber sie treffen das Innerste des Leibes.“ Auch jenes Wort kann prächtig auf sie angewendet werden: 5 „Mit seinem Munde redet er Friede mit seinem Freunde, und im Herzen bereitet er ihm [S. 158] Hinterhalt,“ durch welchen jedoch mehr betrogen wird der Betrüger. „Denn wer das Netz ausbreitet vor dem Angesichte seines Freundes, der wickelt es um seine eigenen Füße;“ 6 und wer dem Nächsten eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Endlich, als eine große Menge mit Schwertern und Prügeln gekommen war, um den Herrn zu ergreifen, da war doch Keiner gegen den Urheber unseres Lebens grausamer als jener Vatermörder, der Allen mit der erheuchelten Ehrenbezeigung des Grußes vorausging und den Kuß der verrätherischen Liebe gab. Zu ihm sprach der Herr: „Judas, mit einem Kusse verräthst du den Menschensohn!“ Das heißt: Die Bitterkeit deiner Verfolgung und deines Hasses hat das zur Hülle genommen, wodurch man die Süßigkeit der wahren Liebe ausdrückt. Offener und heftiger hebt er durch den Propheten die Gewalt dieses Schmerzes hervor und sagt: 7 „Ja, wenn mein Feind mir geflucht hätte, so hätte ich es immerhin ertragen; und wenn Der, welcher mich haßte, sich über mich erhoben hätte, — ich hätte mich wohl vor ihm verborgen; doch du bist es, ein Mensch, (sonst) einmüthig mit mir, mein Führer und Vertrauter, der zugleich mit mir die liebe Speise nahm; — im Hause Gottes wandelten wir in Eintracht.“ —

1: Habak. 2, 15.
2: Jerem. 9, 4. 5. 3.
3: Ps. 54, 22.
4: Sprüchw. 26, 22.
5: Jerem. 9, 8.
6: Sprüchw. 29, 5.
7: Ps. 54, 13.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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