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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Sechzehnte Unterredung, welche die erste des Abtes Joseph ist, über die Freundschaft.

14. Über die Stufen der Liebe.

Jene Liebe nun, welche ἀγάπη heißt, kann man Allen erweisen, und von ihr sagt der Apostel: 1 „So lange wir also Zeit haben, laßt uns Gutes thun Allen, besonders aber den Glaubensgenossen.“ Diese muß man so sehr Allen erweisen, daß wir vom Herrn den Befehl haben, sie auch unsern Feinden angedeihen zu lassen; denn er sagt: 2 „Liebet eure Feinde!“ 3 Die διάθεσις aber, d. i. Zuneigung, wird nur Wenigen geschenkt und zwar Solchen, welche durch Gleichheit der Sitten und Gemeinschaft der Tugenden verbunden sind, obwohl auch diese wieder viele Unterschiede zu haben scheint. Denn anders werden die Eltern oder die Gatten, anders die Brüder und anders die Söhne geliebt; und selbst in der zwingenden Macht dieser Neigungen ist ein großer Abstand, denn wir finden nicht, daß die Liebe der Eltern zu den Kindern gleich ist. Das bestätigt sich ja durch das Beispiel des Patriarchen Jakob, der, obwohl er Vater von zwölf Söhnen war und alle mit väterlicher Liebe umfaßte, dennoch den Joseph mit einer innigern Zuneigung liebte, wie deutlich die Schrift von ihm berichtet: 4 „Es waren ihm aber seine Brüder neidig, weil ihn sein Vater liebte;“ das heißt nicht, daß dieser ge- [S. 152] reckte Mann und Vater nicht auch die andern Söhne sehr geliebt hätte, sondern daß er der Zuneigung zu diesem, der ein Vorbild des Herrn darstellte, mit mehr Lust und ohne Rückhalt sich hingab. Das wird auch von dem Evangelisten Johannes, wie wir lesen, ganz deutlich behauptet, da es von ihm heißt: 5 „Jener Jünger, welchen Jesus liebte;“ während er doch gewiß auch die übrigen eilf gleichfalls Erwählten mit so vorzüglicher Liebe umfaßte, daß er es selbst durch das evangelische Zeugniß bestätigt, indem er sagt: „Wie ich euch geliebt habe, so liebet auch ihr einander!“ Davon heißt es auch ein ander Mal: „Da er die Seinen liebte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis an’s Ende.“ Also diese Liebe zum Einen drückt keine Lauheit der Liebe gegen die andern Jünger aus, sondern nur einen reichern Überfluß der Zuneigung gegen diesen, was ihm der Vorzug der Jungfräulichkeit und die leibliche Unversehrtheit erwarb. Diese Liebe wird deßhalb als höher und als Ausnahme bezeichnet, weil sie nicht durch die Vergleichung mit dem Hasse erhoben wird, sondern durch die reichlichere Gnade der überströmendsten Zärtlichkeit. Etwas Ähnliches lesen wir im hohen Liede aus dem Munde der Braut, die da sagt: 6 „Ordnet in mir die Liebe.“ Denn das ist die wahrhaft geordnete Liebe, welche Niemand haßt, Einige aber wegen ihrer Verdienste mehr liebt, und die, obwohl sie überhaupt Allen zugethan ist, doch sich aus ihnen Solche ausnimmt, welche sie mit besonderer Zuneigung umfassen muß, und unter den mit der stärksten und vorzüglichsten Liebe Geliebten Einige sich auswählt, die in der Liebe über die Andern gesetzt werden.

1: Gal. 6, 10.
2: Matth. 5.
3: Ἀγάπη besonders die Liebe, welche zeitliche Wohlthaten spendet.
4: Genesis 37, 4. Freies Citat.
5: Joh. 13, 23. 34. 1
6: Hohes Lied 2, 4.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger