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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Sechzehnte Unterredung, welche die erste des Abtes Joseph ist, über die Freundschaft.

11. Daß es Solchen, die auf ihr eigenes Urtheil vertrauen, unmöglich sei, nicht vom Teufelstrug getäuscht zu werden.

Es hat sich nun oft bewahrheitet, daß es so geht, wie [S. 149] der Apostel sagt: 1 „Denn er selbst, der Satan, gestaltet sich um in einen Engel des Lichts,“ damit er die dunkle, häßliche Finsterniß der Sinne für das wahre Licht der Wissenschaft trügerisch ausgieße. Wenn wir dann Derartiges nicht mit demüthigem und stillem Herzen aufnehmen und es nicht der Prüfung des erfahrensten Bruders oder bewährtesten Vaters überlassen, damit es von diesen fleissig durchsucht und dann von uns entweder verworfen oder angenommen werde: — so werden wir ohne Zweifel in unsern Gedanken statt eines Engels des Lichtes den der Finsterniß verehren und mit schwerem Untergange gestraft werden. Dieses Verberben kann Einer unmöglich vermeiden, wenn er auf sein eigenes Urtheil vertraut und nicht in Übung und Liebe der wahren Demuth mit aller Zerknirschung des Herzens das erfüllt, was der Apostel so sehr wünscht. 2 „Wenn also“, sagt er, „irgend ein Trost in Christo, wenn eine Tröstung in der Liebe ist, wenn irgend ein Herz zum Erbarmen (in euch), so machet meine Freude voll, dadurch, daß ihr Dasselbe denket, die gleiche Liebe habt, einträchtig das Gleiche meinet; Nichts in Streit, Nichts in eitlem Rühmen, sondern in Demuth ein Jeder den Andern für höher haltend als sich.“ Ebenso die Stelle: 3 „Kommet mit Ehrerweisung einander zuvor!“ so daß ein Jeder seinem Genossen mehr Wissenschaft und Heiligkeit zuschreibe und glaube, es liege der volle Gehalt der wahren Klugheit mehr in dem Urtheile des Andern als in seinem eigenen.

1: II. Kor. 11, 14.
2: Philipp. 2, 1 ff.
3: Röm. 12, 10.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger