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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Vierzehnte Unterredung, welche die elfte des Abtes Nesteros ist, über die geistliche Wissenschaft.

10. Daß man in die Schule der wahren Wissenschaft treten müsse.

Wenn du also zur wahren Wissenschaft der Schriften kommen willst, so mußt du dich bestreben, vor Allem eine unveränderliche Demuth des Herzens zu erlangen, damit du nicht zu jenem Wissen geführt werdest, das aufbläht, sondern zu jenem, das erleuchtet durch die Vollendung der Liebe; denn es ist unmöglich, daß ein unreiner Geist die Gabe der geistlichen Wissenschaft erlange. Vermeide also mit aller Vorsicht, daß dir aus der eifrigen Lesung statt des Lichtes der Wissenschaft und jener Glorie, die der erleuchteten Gelehrtheit versprochen wird, nicht ein Werkzeug des Verderbens entstehe durch die Eitelkeit der Anmaßung. Dann mußt du auf jede Weise darnach streben, daß nach Austreibung alles Sorgens und irdischen Denkens du dich eifrig, ja vielmehr immerwährend der hl. Lesung hingebest, bis die beständige Betrachtung deinen Geist durchdringt und ihn gleichsam nach sich umbildet, indem sie gewissermaßen eine Lade des Testamentes aus ihm macht, die in sich die zwei steinernen Tafeln enthält, d. i. die ewige Festigkeit beider Gesetze; ferner auch das goldene Gefäß, d. i. ein reines, lauteres Gedächtniß, welches mit unaufhörlicher Beharrlichkeit das Manna in sich birgt, nemlich die immerwährende und himmlische Süßigkeit geistlicher Gedanken und jenes Engelbrodes; ebenso den Zweig Aarons, d. i. die Heilsfahne unsers wahren und obersten Hohenpriesters Jesu Christi, die in dem Grün unsterblicher Erinnerung blüht. Das ist nemlich der Zweig, der abgeschnitten von der Wurzel Jesse nach seinem Absterben nur um so lebhafter wieder aufblüht. Das alles aber wird durch die zwei Cherubim, d. i. durch die Fülle des historischen und geistlichen Wissens geschützt. Cherubim heißt nemlich so viel als Menge der Wissenschaft, und diese werden das [S. 112] Sühnezelt Gottes. d. i. den Frieden deiner Brust beständig beschützen und gegen alle Angriffe der bösen Geister decken. Wenn so dein Geist nicht nur zur Lade des göttlichen Bundes, sondern auch zu einem priesterlichen Königreiche erhoben ist durch die unauflösbare Liebe zur Reinigkeit, und wenn er gleichsam aufgegangen ist in den geistlichen Kenntnissen, so wird er jenes hohepriesterliche Gebot erfüllen, das von dem Gesetzgeber so vorgeschrieben wird: 1 „Die hl. Räume soll er nicht verlassen, damit er nicht Das Heiligthum Gottes verunreinige“ d. i. sein Herz, in welchem der Herr beständig zu wohnen verspricht, da er sagt: 2 „Ich werde bei ihnen wohnen und unter ihnen wandeln.“ Deßhalb muß man die Sammlung der hl. Schriften fleissig dem Gedächtnisse einprägen und unaufhörlich wieder durchnehmen: denn diese Beständigkeit der Meditation bringt uns eine doppelte Frucht. Die erste ist, daß der Geist, während seine Aufmerksamkeit auf die Lesung und Bearbeitung der Lektionen gerichtet ist, nothwendig von keinen Fallstricken schädlicher Gedanken gefangen werden kann. Die zweite ist, daß wir Das, was wir in häufiger Wiederholung durchgingen, um es dem Gedächtnisse einzuprägen, was wir aber zu der Zeit gerade wegen des beschäftigten Geistes nicht einsehen konnten, nachher, wenn wir von allen Störungen der Geschäfte und sichtbaren Dinge befreit es im nächtlichen Schweigen und Denken wieder hernehmen, klarer sehen, so daß uns in der Ruhe und fast in der Schlaftrunkenheit Einsicht in die verborgensten Sinne eröffnet wird, welche wir im Wachen kaum mit oberflächlicher Vermuthung zu erfassen vermochten.

1: III. Mos. 21, 12.
2: III. Mos. 26, 11. 12; II. Kor. 6, 16.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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