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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Vierzehnte Unterredung, welche die elfte des Abtes Nesteros ist, über die geistliche Wissenschaft.

[S. 108] 9. Daß man von der Wissenschaft des thätigen Lebens zu der geistlichen komme.

Wenn euch nun daran liegt, zu dem Lichte der geistlichen Wissenschaft zu gelangen, nicht in lasterhafter eitler Prahlerei, sondern durch die Gnade der Reinigung, so entflammet euch zuerst mit der Begierde nach jener Seligkeit, von der es beißt: „Selig sind, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen;“ damit ihr auch zu jener gelangen könnet, von welcher der Engel zu Daniel sagt: 1 „Die aber gelehrt waren, werden leuchten wie der Glanz des Firmamentes, und die Viele zur Gerechtigkeit anleiten, wie Sterne in alle Ewigkeit.“ Und bei einem andern Propheten heißt es: 2 „Erleuchtet euch mit dem Lichte der Wissenschaft, so lange es Zeit ist.“ Haltet also den Fleiß in der Lesung, den ihr, wie ich merke, habt, fest und trachtet mit allem Eifer die praktische, d. i. die ethische Wissenschaft so bald als möglich zu erfassen. Ohne diese kann nemlich jene besagte Reinheit der Beschauung nicht erreicht werden, und erlangen sie also nur die, welche nicht durch fremdes Lehrwort, sondern durch die Tugendkraft der eigenen Handlungen vollkommen geworden sind, nach vielem Aufwand von Mühe und Arbeit endlich zum Lohne. Denn da sie die Einsicht nicht durch Nachdenken über das Gesetz, sondern als Frucht ihres Thuns erlangten, singen sie mit dem Psalmisten: 3 „Von deinen Geboten her ward mir Einsicht;“ und nach Ausbrennung aller Leidenschaften sagen sie voll Zuversicht: 4 „Ich will lobsingen und einsehen auf unbeflecktem Wege.“ Denn jener Singende versteht, was gesungen wird, der mit dem Wandel eines reinen Herzens nach unbeflecktem Wege strebt. Und wenn ihr also der geistlichen Wissenschaft in eurem Herzen ein hl. Zelt be- [S. 109] reiten wollt, so reiniget euch von aller Befleckung der Laster und legt ab die Sorgen für Das diesseitige Leben! Denn es ist unmöglich, daß eine Seele, welche von weltlichen Zerstreuungen auch nur leichthin eingenommen ist, die Gabe der Wissenschaft erlange, oder daß sie geistige Einsicht gebäre oder beharrlich werde in heiliger Lesung. Damit nun die eifrige Lesung und das sehnsuchtsvolle Mühen durch eitle Selbstüberhebung nicht unfruchtbar gemacht werde, so beobachtet vor Allem, besonders du Johannes, den zur Bewahrung dessen, was ich sage, noch mehr das jugendlichere Alter bestimmen muß, daß ihr eurem Munde das tiefste Stillschweigen auferleget; denn das ist der erste Eintritt in die praktische Übung. Ist ja „alles Mühen des Menschen für seinen Mund,“ 5 und darum sollst du die Lehren und Aussprüche aller Alten mit aufmerksamem Herzen und fast stummem Munde aufnehmen, sorgfältig in deiner Brust verbergen und dich mehr bemühen, sie zu thun als sie zu lehren; denn aus dem Letztern sproßt die verderbliche Anmaßung der Ruhmsucht, aus dem Erstern aber die Frucht der geistlichen Wissenschaft. Du sollst also in der Unterredung mit den Alten Nichts vorzubringen wagen, als die Fragen, zu welchen dich entweder schädliche Unwissenheit treibt oder der Grund einer nothwendigen Erkenntniß, da Manche, von der Liebe zu eitlem Ruhme eingenommen, nur um ihre Gelehrsamkeit zu zeigen, in Verstellung Das fragen, was sie ganz gut schon wissen. Es ist aber unmöglich, daß Einer, der mit dem Vorhaben, Menschenlob zu erwerben, der eifrigen Lesung obliegt, die Gabe der wahren Wissenschaft erlange. Denn wer von dieser Leidenschaft überwunden ist, muß nothwendig auch von andern Lastern und besonders dem des Hochmuths gebunden sein, und so wird er, in dem praktischen und ethischen Kampfe geschlagen. die geistliche Wissenschaft, die aus jenem entspringt, nie erlangen. Sei also durchweg schnell zum Hören, lang- [S. 110] sam zum Reden, damit nicht bei dir die Bemerkung Salomons zutreffe: 6 „Wenn du einen Mann siehst, der schnell beim Reden ist, so wisse, daß ein Thor mehr Hoffnung hat als dieser.“ Wage auch ja nicht, irgend Einen durch Worte Etwas zu lehren, was du nicht vorher durch die That geleistet hast. Denn daß wir diese Ordnung einhalten müssen, zeigt uns durch sein Beispiel auch der Herr selbst, von dem es heißt: 7 „Was Jesus anfieng zu thun und zu lehren.“ Hüte dich also, daß du nicht durch solches Überspringen zum Lehren vor der That unter die Zahl Jener gerechnet werdest, von denen der Herr im Evangelium zu seinen Jüngern sagt: 8 „Was sie euch sagen, das haltet und thut; aber nach ihren Werken wollet euch nicht richten; denn sie reden und thun nicht darnach. Sie binden aber schwere und unerträgliche Lasten und legen dieselben auf die Schultern der Menschen; sie selbst aber wollen dieselben nicht mit einem Finger berühren.“ Wenn nun Derjenige, welcher eines der kleinsten Gebote verletzt und so die Menschen lehrt, der Geringste genannt wird im Himmelreiche, so wird folgerichtig Der, welcher Vieles und Großes vernachlässigt und sich doch herausnimmt, zu lehren, nicht für den Geringsten im Himmelreiche, sondern für den Größten in der Höllenstrafe gehalten werden. Hüte dich also, daß du nicht zum Lehren angereizt werdest durch die Beispiele Jener, welche Disputirkunst und Wortreichthum sich erworden haben, und von denen nun Solche, welche die Kraft und Natur der geistlichen Wissenschaft nicht unterscheiden lernten, glauben, sie besäßen dieselbe, weil sie Alles, was sie nur wollen, zierlich und breit darlegen können. Es ist ja etwas Anderes, die Gewandtheit der Zunge und den Glanz der Sprache zu besitzen, und etwas Anderes, auf die Adern und das Mark der himmlischen Aussprüche einzudringen und die tiefen und verborgenen Geheimnisse mit dem reinsten Herzensauge zu betrachten, was durchaus nicht die [S. 111] menschliche Gelehrsamkeit und weltliche Bildung, sondern nur die innerliche Reinheit durch die Erleuchtung des heil. Geistes erreichen wird.

1: Dan. 12, 13.
2: Ose. 10, 12. Der Nachsatz auch nicht in der Septuaginta. Vulgata ganz verschieden.
3: Ps. 118, 104.
4: Ps. 100, 1. 5.
5: Pred. 6, 7.
6: Sprüchw. 29, 20.
7: Apostelg. 1, 1.
8: Matth. 23, 8.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger