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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Vierzehnte Unterredung, welche die elfte des Abtes Nesteros ist, über die geistliche Wissenschaft.

[S. 105] 8. Von der geistlichen Wissenschaft.

Laßt uns aber zu der Erklärung der Wissenschaft zurückkehren, von welcher wir unsere Rede begannen. Wie wir also oben gesagt haben, theilt sich die Praxis in viele Berufsarten und Strebungen ab. Die Beschauung aber zerfällt in zwei Theile, nemlich in die historische Auslegung und in das geistige Verständniß. Deßhalb fügt auch Salomon, da er die vielfachen Gnaden der Kirche aufzählt, bei: 1 „Denn Alle, die bei ihr sind, doppelt sind sie bekleidet.“ Die Arten der geistigen Erkenntniß aber sind: die Tropologie, die Allegorie, die Anagoge, von welcher es in den Sprüchwörtern heißt: 2 „Du aber schreibe sie dir dreifach über die Fläche deines Herzens!“ So umfaßt also die Geschichte die Kenntnis der vergangenen und sichtbaren Dinge, was von dem Apostel so angeführt wird: 3 „Denn es steht geschrieben, daß Abraham zwei Söhne hatte, einen von der Magd und einen von der Freien; aber der von der Magd war dem Fleische nach geboren worden, der von der Freien nach der Verheissung.“ Was nun folgt, gehört zu der Allegorie, weil von dem, was in Wirklichkeit geschah, gesagt wird, daß es das Vorbild eines andern Geheimnisses darstelle. Denn er sagt: „Das sind die zwei Testamente: das eine vom Berge Sina, das zur Knechtschaft erzeugt, also Agar; denn Sina ist ein Berg in Arabien, der in gleicher Reihe steht mit dem jetzigen Jerusalem, und es ist dienstbar mit seinen Kindern.“ Als eine Anagoge ferner, welche von geistlichen Mysterien zu gewissen höhern und dunklern Geheimnissen des Himmels aufsteigt, wird vom Apostel beigefügt: „Jenes obere Jerusalem aber ist frei, und das ist unsere Mutter; denn es sieht geschrieben: 4 Freue dich, Unfruchtbare, die du nicht gebierst; frohlocke und juble, die du nicht Wehen hast, weil [S. 106] zahlreich sind die Kinder der Einsamen, mehr als die Jener, welche einen Mann hat.“ Die Tropologie ist moralische Auslegung, auf die Besserung des Lebens und die Unterweisung im Handeln gerichtet, gerade wie wenn wir unter diesen beiden Testamenten die praktische und beschauliche Übung verstehen würden; oder wenigstens wie wenn wir Jerusalem oder Sion als die Seele des Menschen auffassen wollten, nach jener Stelle: 5 „Lobe, Jerusalem, den Herrn; lobe, o Sion, deinen Gott!“ Es gehen also diese vier Figuren, wenn wir wollen, so auf Eins zusammen, daß wir ein und dasselbe Jerusalem in vierfacher Weise auffassen können: nach der Geschichte als Stadt der Juden, nach der Allegorie als Kirche Christi, nach der Anagoge als jene himmlische Gottesstadt, welche die Mutter von uns allen ist, nach der Tropologie als Seele des Menschen, welche häufig vom Herrn unter diesem Namen entweder hart angelassen oder gelobt wird. Von diesen vier Arten der Auslegungen sagt der Apostel so: 6 „Nun aber, Brüder, wenn ich zu euch komme in Sprachen redend, was werde ich euch nützen, wenn ich nicht zu euch rede, entweder in Offenbarungen oder in Wissenschaft oder in Prophezeiung oder Lehre?“ Die Offenbarung nemlich bezieht sich auf die Allegorie, durch welche das, was die bloße Erzählung birgt, durch geistige Einsicht und Auslegung erschlossen wird; wie z. B. wenn wir das eröffnen wollen, wie unsere Väter alle unter der Wolke waren und alle auf Moses getauft wurden in der Wolke und im Meere, und wie alle dieselbe geistige Speise genossen haben und denselben geistigen Trank getrunken von dem ihnen nachfolgenden Felsen; der Fels aber war Christus. 7 Diese Darlegung, die einem Vorbilde des Leibes und Blutes Christi gleich kommt, was wir täglich empfangen, hat die Art der Allegorie. Die Wissenschaft aber, die gleichfalls vom Apostel erwähnt wird, ist die Tropologie, durch die wir in kluger Prüfung [S. 107] Alles unterscheiden, was zur Praktischen Klugheit gehört, ob Etwas nützlich oder anständig ist, wie z. B., wenn uns befohlen wird, selbst zu beurtheilen, ob es für ein Weib schicklich sei, mit unverhülltem Haupte zu Gott zu beten. 8 Diese Art enthält, wie gesagt, eine moralische Erkenntniß. So bedeutet die Prophezie, welche der Apostel an dritter Stelle anführt, die Anagoge, durch welche eine Rede auf das Unsichtbare und Zukünftige übertragen wird, wie das der Fall ist in Folgendem: 9 „Wir wollen nicht, daß ihr, o Brüder, in Unwissenheit seid Betreffs der Entschlafenen, damit ihr nicht trostlos seid wie die Übrigen, welche keine Hoffnung haben. Denn wenn wir glauben, daß Christus starb und auferstand, so wird Gott ebenso auch Jene, welche entschlafen sind, durch Jesum mit ihm herbeiführen; denn das sagen wir euch im Worte des Herrn, daß wir, die da leben, die übrig sind, bei der Ankunft des Herrn nicht vor denen kommen werden, die entschlafen sind, weil der Herr selbst bei dem Aufrufe und der Stimme des Erzengels und der Posaune Gottes herabsteigen wird vom Himmel, und die Todten in Christo werden zuerst auferstehen.“ In dieser Art der Ermahnung zeigt sich die Figur der Anagoge. 10 Die Lehre aber breitet die einfache Folge der historischen Darlegung aus, worin kein tiefer liegender Sinn, als der aus den Worten klingt, enthalten ist, wie dort, wo es heißt: 11 „Ich lehrte euch besonders, was ich auch überkam, daß Christus gestorben ist für unsere Sünden, nach den Schriften, und daß er begraben wurde und am dritten Tage auferstand und dem Cephas erschien.“ „Und es sandte Gott seinen Sohn, der geworden ist aus dem Weibe, geworden unter dem Gesetz, damit er Diejenigen, welche unter dem Gesetze standen, erlöse.“ 12 Oder: 13 „Höre, Israel, der Herr dein Gott ist Einer.“

1: Sprüchw. 31, 21.
2: Sprüchw. 22, 20.
3: Galat. 4, 24 ff.
4: Is. 54, 1.
5: Ps. 147, 1.
6: II. Kor. 14.
7: I. Kor. 10, 1.
8: I. Kor. 11.
9: I. Thess. 4, 12.
10: Das Beispiel dürfte doch besser sein!
11: I. Kor. 15, 3 ff.
12: Gal. 4, 4.
13: Deut. 6, 4.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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