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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Vierzehnte Unterredung, welche die elfte des Abtes Nesteros ist, über die geistliche Wissenschaft.

7. Ein Beispiel der Keuschheit, an welchem gelehrt wird, daß nicht Alles von Allen nachzuahmen sei.

Ausser jenem Verluste, durch welchen, wie gesagt, ein Mönch betroffen wird, der in der Veränderlichkeit seines Geistes zu verschiedenen Strebungen überzugehen verlangt, läuft man auch dadurch Gefahr zu Grunde zu gehen, daß zuweilen Dinge, die von Einigen mit Recht gethan wurden, von Andern in übler Nachahmung angemaßt werden und so, was den Einen gut von Statten ging, von den Andern als verderblich erkannt wird. Um nun Etwas als Beispiel vorzubringen, so ist das gerade, wie wenn Einer die Tugend jenes Mannes nachahmen wollte, welche der Abt Johannes nicht als Beispiel der Nachahmung, sondern nur zur Bewunderung zu erwähnen pflegt. Als nemlich Einer in weltlicher Kleidung zu dem besagten Greise kam und ihm einige Erstlinge seiner Früchte brachte, fand er dort einen von dem furchtbarsten Dämon Besessenen vor. Während der Teufel nun die Beschwörungen und Befehle des Abtes Johannes verachtete und versicherte, er werde nie auf sein Geheiß von dem Körper, den er besessen hatte, auswandern, wurde er durch die Ankunft dieses (Weltlichen) erschreckt und wich, ehrfurchtsvollst seinen Namen nennend, von dannen. Als nun der Vater nicht wenig erstaunt war über die so sichtbare Gnadengabe dieses Mannes, um so mehr, als er ihn in weltlicher Kleidung vor sich sah, fieng er an, ihn um die Ordnung seines Lebens und Berufes genau zu fragen. Da er nun sagte, daß er weltlich und durch das eheliche Band gebunden sei, forschte der gottselige Johannes, ganz eingenommen von dem Gedanken an eine so herrliche Tugend und Gnade, noch aufmerksamer nach [S. 104] seinem Wandel. Jener erklärte, daß er ein Landmann sei, mit der täglichen Arbeit seiner Hände den Lebensunterhalt suche und nichts Gutes an sich wisse, als daß er Morgens nie zur Verrichtung der Feldarbeit gebe noch Abends nach Hause kehre, bevor er in der Kirche für den Nahrungsbedarf des täglichen Lebens Gott, dem Geber desselben, Dank gesagt habe; und daß er sich nie von seinen Früchten Etwas angeeignet habe, ehe er nicht Gott die Erstlinge davon und den Zehnten dargebracht; daß er ferner seine Ochsen nie an der Grenze fremder Ernte vorbeiführe, ohne ihnen zuvor das Maul zu schließen, damit ja der Nächste nicht den geringsten Schaden durch seine Nachlässigkeit erleide. Als nun das dem Abte Johannes noch nicht geeignet schien zur Erklärung einer solchen Gnade, von der er sich übertroffen sah, und er Jenen nun eingehend fragte, was denn das sei, was mit den einer solchen Gnade entsprechenden Verdiensten verglichen werden könne, wurde derselbe durch die Bestürzung über diese genaue Untersuchung verwirrt und bekannte, daß er vor eilf Jahren, da er eigentlich Mönch werden wollte, durch Befehl und Zwang der Eltern genöthigt worden sei, eine Gattin zu nehmen, die noch jetzt von ihm, ohne daß es Jemand wisse, wie eine Schwester als Jungfrau bewahrt werde. Als Dieß der Abt gehört hatte, wurde er von solcher Bewunderung ergriffen, daß er vor Jenem laut ausrief: „Nicht ohne Grund habe der Teufel, der ihn verachtet hatte, die Gegenwart Desjenigen nicht ertragen, dessen Tugend er weder in der heissen Jugendzeit noch auch jetzt anzugreifen wage, da er seine Keuschheit nicht gefährden könne.“ Obwohl der Abt Johannes diese Thatsache mit höchster Bewunderung erzählte, so ermahnte er doch Keinen der Mönche, Dasselbe zu versuchen, da er wohl wußte, daß viele gute Thaten der Einen Andern, die sie nachahmen, großes Unglück brachten, und daß nicht Alle sich aneignen dürfen, was der Herr nur Wenigen aus besonderer Gnade verlieh.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger