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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Vierzehnte Unterredung, welche die elfte des Abtes Nesteros ist, über die geistliche Wissenschaft.

16. Antwort, daß die Bösen eine wahre Wissenschaft nicht haben können.

Nesteros: Wer nicht genau alle Worte eines gegebenen Ausspruches erwägt, prüft die Kraft einer Lehrbestimmung nicht recht. Wir haben nemlich oben gesagt, daß solche Menschen nur Übung im Disputiren haben und den Schmuck der Rede, daß sie aber in die Adern der Schriften und in die Geheimnisse des geistigen Sinnes nicht einzudringen vermögen. Denn die wahre Wissenschaft kann nur von den wahren Gottesverehrern in Besitz genommen werden, und hat sie also jenes Volk nicht, dem gesagt wird: 1 „Höre, [S. 120] thörichtes Volk, das kein Herz hat; die ihr Augen habt und nicht sehet, Ohren und nicht höret;“ und wieder: 2 „Weil du die Wissenschaft verworfen hast, so werde ich auch dich verwerfen, daß du das Priesterthum mir nicht verwaltest!“ Denn da es heißt, daß in Christo alle Schätze der Weisheit und Wissenschaft verborgen seien, wie kann man glauben, daß Derjenige die wahre Wissenschaft erlangt habe, der es verschmähte, Christum zu finden, oder der den Gefundenen mit sakrilegischer Zunge lästerte oder doch den katholischen Glauben durch unreine Werke befleckte? „Der hl. Geist der Zucht flieht die Heuchelei und wohnt nicht in einem Körper, welcher der Sünde verfallen ist.“ 3 Man gelangt also nicht anders zu der geistlichen Wissenschaft als in jener Ordnung, welche einer der Propheten herrlich ausdrückt, da er sagt: 4 „Säet für euch zur Gerechtigkeit, erntet die Hoffnung des Lebens, erleuchtet euch mit dem Lichte der Wissenschaft!“ Zuerst also müssen wir säen zur Gerechtigkeit, d. i. wir sollen die sittliche Vervollkommnung durch Werke der Gerechtigkeit weiter führen. Dann müssen wir die Hoffnung des Lebens ernten, d. i. die Früchte der geistigen Tugenden nach Austreibung der fleischlichen Laster sammeln, und so werden wir uns das Licht der Wissenschaft anzünden können. Daß diese Ordnung eingehalten werden müsse, lehrt auch der Psalmist, indem er sagt: 5 «Selig sind, deren Weg unbefleckt ist, die da wandeln im Gesetze des Herrn; selig, die erforschen seine Zeugnisse.“ Denn er sagt nicht zuerst: „Selig, die erforschen seine Zeugnisse“ und fügt dann bei: „Selig sind die, deren Weg unbefleckt ist,“ sondern zuerst sagt er: „Selig &c.“ Dadurch zeigt er deutlich, daß Niemand in rechter Weise zur Er- [S. 121] forschung der Zeugnisse Gottes gelange, wenn er nicht zuerst durch die thätige Übung auf dem Wege Christi unbefleckt einherschreite. Jene also, welche du genannt hast, besitzen nicht diese Wissenschaft, welche die Unreinen nicht haben können, sondern eine fälschlich so genannte, von welcher der hl. Apostel sagt: 6 „O Timotheus, bewahre das Hinterlegte und vermeide die unheiligen Neuerungen in Worten und die Gegenreden einer fälschlich so genannten Wissenschaft,“ was im Griechischen heißt: „ἐκτρεπόμενος τὰς βεβήλους κενοφωνίας καὶ ἀντίθεσεις τῆς ψευδονύμου γνώσεως.“ Von Solchen nun, welche ein gewisses Gleichbild der Wissenschaft zu erlangen scheinen, oder von Jenen, welche zwar der Lesung der hl. Schriften und dem Auswendiglernen derselben mit allem Fleiße obliegen, aber die fleischlichen Laster nicht verlassen, heißt es in den Sprüchwörtern gar schön: 7 „Wie ein goldener Ring in Schweines Nase, so ist bei einem schlecht gearteten Weibe die Schönheit.“ Denn was nützt es, wenn Einer den Schmuck der himmlischen Aussprüche und die so kostbare Schönheit der Schriften erlangt, aber durch Anhänglichkeit an schmutzige Werke oder Sinnlichkeit sie wie die unreinste Erde zerwühlt und zerstößt oder sie in den Kothpfützen seiner Laster befleckt? Denn es wird geschehen, daß Das, was beim rechten Gebrauche immer zum Schmucke ist, Jene nicht nur nicht schmücken kann, sondern durch immer ärgere Bespritzung mit Koth schmutzig wird. Denn „aus dem Munde des Sünders ist nicht schön das Lob.“ 8 Ihm wird durch den Propheten gesagt: 9 „Was zählst du meine Gebote auf und nimmst mein Gesetz in deinen Mund?“ Von solchen Seelen, welche keineswegs beharrlich die Furcht Gottes besitzen, — es heißt aber von dieser: „Die Furcht des Herrn ist Zucht und Weisheit“ — und die nun doch durch bestän- [S. 122] diges Nachdenken den Sinn der Schriften zu finden suchen, steht ganz zutreffend in den Sprüchwörtern: 10 „Was nützen Reichthümer dem Thoren? Es wird ja der Herzlose die Weisheit nicht besitzen können.“ Soweit aber entfernt sich die wahre und geistliche Wissenschaft von jener weltlichen Gelehrsamkeit, die durch den Schmutz der Laster befleckt ist, daß sie, wie wir wissen, in einigen Wortarmen und fast ganz Ungebildeten wunderbar blühte. Das bewährt sich ganz sichtbar bei den Aposteln und noch vielen heiligen Männern, die sich nicht an dem eiteln Prunke der Philosophen ergötzten, sondern mit den wahren Früchten der geistlichen Wissenschaft sich beluden. Von diesen steht auch in der Apostelgeschichte geschrieben: 11 „Da sie nun aber die Standhaftigkeit des Petrus und Johannes sahen und erfahren hatten, daß es Männer ohne Schulbildung und Wissen seien, wunderten sie sich.“ Wenn dir also daran liegt, für sie mit unauslöschlicher Glut zu entbrennen, so gib dir zuerst alle Mühe, vom Herrn die unbefleckte Keuschheit zu erlangen. Denn Keiner, in welchem noch der Trieb der fleischlichen Leidenschaften und besonders der Unzucht herrscht kann die geistliche Wissenschaft besitzen. 12 „In einem guten Herzen wird die Weisheit wohnen und wer Gott fürchtet, wird die Wissenschaft mit der Gerechtigkeit finden.“ Daß man aber in der von uns oben genannten Stufenfolge zu der geistlichen Wissenschaft gelange, lehrt auch der hl. Apostel. Denn da er nicht bloß ein Verzeichniß all seiner Tugenden zusammenstellen, sondern auch ihre Ordnung darstellen wollte, so führt er, um zu zeigen, welche der anderen folge, und welche die andere erzeuge, Folgendes an: 13 „In Nachtwachen, in Keuschheit, in Wissenschaft, in Langmuth und Sanftmuth, im hl. Geiste und ungeheuchelter Liebe.“ In dieser Verbindung der Tugenden will er uns offenbar unterrichten, daß man von Nachtwachen und Fasten zur [S. 123] Keuschheit, von dieser zur Wissenschaft, von der Wissenschaft zur Langmuth, von dieser zur Sanftmuth, dann zum hl. Geiste und zum Siegespreise der ungeheuchelten Liebe gelange. Wenn nun auch du durch diese Schule und in dieser Reihenfolge zur geistlichen Wissenschaft gelangt sein wirst, so wirst du ohne Zweifel, wie gesagt, weder eine unfruchtbare noch träge, sondern eine lebendige und fruchtbare Gelehrsamkeit haben und den Samen des heilsamen Wortes. Wenn du diesen den Herzen der Zuhörer anvertraut haben wirst, so wird der reichliche, nachfolgende Regen des hl. Geistes es fruchtbringend machen, und wie der Prophet verheissen hat, 14 „wird Regen gegeben werden deinem Samen, wo immer du auf Erden gesät hast, und das Brod von den Früchten deines Landes wird reichlich und kräftig sein.“

1: Jerem. 5, 21.
2: Ose. 4, 6.
3: Weish. 1, 4. 5.
4: Ose. 10, 12. Vulgata sehr verschieden, aber auch nach der Septuag. ist das Citat etwas frei (τρυγήσατε εἰς παρπὸν ζωῆς).
5: Ps. 118, 1.
6: I. Tim. 6, 20.
7: Sprüchw. 11, 22.
8: Sir. 15, 9.
9: Ps. 49, 16.
10: Sprüchw. 17, 16.
11: Apostelg. 4, 13.
12: Sprüchw. 14, 33.
13: II. Kor. 6, 6.
14: Is. 30, 23.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger