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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Vierzehnte Unterredung, welche die elfte des Abtes Nesteros ist, über die geistliche Wissenschaft.

13. Antwort, wodurch wir die Erinnerung an Solches vernichten können.

Nesteros: Für diese Dinge, wegen deren dir die größtes Verzweiflung an der Reinigung entsteht, wird ein hinlänglich schnelles und wirksames Mittel gefunden sein, wenn du denselben Fleiß und Eifer, welchen du, wie du sagtest, auf diese weltlichen Studien verwendet hast, jetzt auf die Lesung und Betrachtung der geistlichen Schriften übertragen willst. Denn dein Geist muß nothwendig so lange von diesen Gedichten eingenommen sein, als er sich nicht mit gleicher Anstrengung und Beharrlichkeit Etwas verschafft, was er in sich selbst bearbeiten kann, so daß er statt des Unfruchtbaren und Irdischen Geistiges und Göttliches gebäre. Wenn er Das nach Höhe und Tiefe erfaßt und sich damit genährt [S. 116] hat, wird das Frühere allmälig entweder gebannt oder vernichtet werden können. Denn der menschliche Geist kann nicht ganz ohne Gedanken sein und wird also, so lange er sich nicht mit geistlichen Studien beschäftigt, nothwendig von Dem erfüllt, was er früher gelernt hat. So lange er nemlich keine andere Zuflucht hat und nicht unermüdet sich bewegt, muß er in Das, was ihm von Kindheit auf beigebracht wurde, zurückfallen und immer wieder Das hernehmen, was er in langem Üben und Denken erfaßt hat. Damit also diese geistliche Wissenschaft in dir zu dauernder Festigkeit erstarke und du sie nicht bloß zeitweilig genießest wie Jene, welche sie nicht durch eigenes Studium, sondern durch Vorsagen Anderer erlangen und so zu sagen fast nur etwas Duft und Geruch von ihr bekommen, — sondern damit sie gewissermaßen in das Eingeweide deiner Geisteskräfte dringe und als durchschaute und handgreifliche bewahrt werde, so mußt du mit aller Aufmerksamkeit Das einhalten, daß, obgleich du vielleicht in der Unterredung Etwas vorbringen hörst, was du ganz gut weißt, du Dasselbe doch nicht geringschätzend und widerwillig hinnehmest, weil es dir schon bekannt ist, sondern es deinem Herzen mit jener Begierde nahe legest, mit welcher unaufhörlich die so verlangenswerthen Worte des Heiles unsern Ohren eingegeben oder von unserm Munde vorgetragen werden müssen. Denn wenn auch die Besprechung heiliger Dinge noch so häufig geschieht, so wird doch einer Seele, die wirklich Durst nach der wahren Wissenschaft leidet, die Sättigung niemals Ekel bereiten, sondern sie wird dieselben täglich als neu und erwünscht aufnehmen und um so gieriger zuhören oder reden, je öfter sie schon gehört hat, so daß sie aus der Wiederholung mehr eine Befestigung der schon erlangten Wissenschaft gewinnt, als irgend einen Überdruß aus der häufigen Unterredung. Es ist nemlich ein deutliches Zeichen eines lauen und hochmüthigen Geistes, wenn er das Mittel heilsamer Worte, mag es auch mit zu viel Eifer der Beständigkeit dargeboten sein, überdrüssig und nachlässig aufnimmt. [S. 117] Denn 1 „eine Seele, die satt ist, verachtet Honigseim, aber einer hungernden Seele scheint auch das Bittere süß.“ Wenn also diese fleissig aufgenommen, in der Tiefe des Geistes verborgen und hinterlegt und mit Verschwiegenheit besiegelt sind, dann werden sie später wie süß duftender und das Menschenherz erfreuender Wein, der durch das Greifenalter der Einsicht und die Langmuth der Geduld ausgegohren ist, mit großer Glut aus dem Gefäße deiner Brust hervorgebracht werden und wie eine ewige Quelle aus den Adern der Erfahrung und den Wasserbetten der Tugenden hervorströmen, ja beständige Fluten wie aus einem Abgrunde deines Herzens ausgießen. Denn es wird in dir Das eintreffen, was in den Sprüchwörtern zu Jenem gesagt wird, der diese Dinge in der That vollbrachte: 2 „Trinke Wasser aus deiner Cisterne und was entquillt deinem Brunnen; herausfließen mögen deine Quellen nach aussen, und auf deine Straßen mögen deine Wasser übergehen.“ Und nach dem Propheten Isaias 3 wirst du sein „wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, deren Flut nicht versiegt; es werden erbauet werden in dir die Ruinen der Vorzeit, Grundfesten von Geschlecht zu Geschlecht wirft du aufrichten und wirst genannt werden: Erbauer der Umhegung. der entfernt die Wege der Ungerechtigkeit.“ Auch wird dir die Seligkeit werden, welche ebenderselbe Prophet verspricht: 4 „Und nicht wird der Herr in Zukunft deinen Lehrer von dir weichen lassen, und deine Augen werden schauen deinen Meister, und deine Ohren werden hören das Wort des Ermahners, der hinter dir sieht: Das ist der Weg; wandelt auf ihm, weder rechts noch links von ihm!“ Und so wird es geschehen, daß nicht nur die ganze Richtung und Betrachtung deines Herzens, sondern auch alle Abschweifungen und Bewegungen deiner [S. 118] Gedanken für dich eine heilige und unaufhörliche Erwägung des göttlichen Gesetzes sind.

1: Sprüchw. 27, 7.
2: Sprüchw. 5, 15. 16.
3: Is. 58, 11. 12.
4: Is. 30, 20. 21.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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