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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Vierzehnte Unterredung, welche die elfte des Abtes Nesteros ist, über die geistliche Wissenschaft.

11. Von dem vielfachen Verständnisse der göttlichen Schriften.

Wenn nun durch dieses Streben die Erneuerung eures [S. 113] Geistes wächst, so wird sich auch das Aussehen der Schriften zu erneuern beginnen, und die Schönheit eines eingeweihtern Verständnisses wird mit eurem Fortschritt wachen. Denn die Gestalt jener paßt sich der Fähigkeit der menschlichen Verstandeskräfte an und zeigt sich entweder irdisch den Fleischlichen oder göttlich den Geistigen, so daß Diejenigen, welchen sie vorher wie mit dichten Nebeln eingehüllt schien, weder ihre Feinheit zu erfassen noch ihren Glanz auszuhalten vermögen. Damit nun aber Das, was wir zu behaupten suchen, durch irgend ein Beispiel klarer gemacht werde, so möge es genügen, ein Zeugniß des Gesetzes anzuführen, durch welches wir beweisen wollen, daß alle himmlischen Gebote sich auf jede Gattung von Menschen erstrecken, je nach dem Maaße unseres Zustandes. Es steht im Gesetze geschrieben: „Du sollst nicht Unzucht treiben.“ Das wird nun von jenem Menschen, der noch in die Leidenschaften der fleischlichen Gemeinheiten verstrickt ist, zu seinem Heile nach dem einfachen Wortlaut gehalten. Von jenem aber, der schon von dieser unsaubern Handlungsweise und unreinen Neigung abließ, muß es nothwendig geistig beachtet werden, daß er sich nemlich nicht nur von den Gebräuchen des Götzendienstes, sondern auch von allem Aberglauben der Heiden und Wahrsager und von aller Beobachtung von Zeichen, Tagen und Zeiten losmache und sich auch nicht mit Deutungen von Worten und Namen abgebe, welche die Einfalt unseres Glaubens beflecken. Von dieser Unzucht war auch Jerusalem, wie gesagt ist, geschändet, da es buhlte auf jeder Hügelhöhe und unter jeder Baumkrone. Und wieder grollt es der Herr durch den Propheten an und sagt: 1 „Stellen mögen sich und dich retten die Himmelsdeuter, welche nach den Sternen schauen und die Monde ausrechnen, um daraus deine Zukunft zu weissagen.“ Dieser Unzucht beschuldigt sie Gott auch an anderer Stelle und sagt: 2 „Der Geist der Unzucht hat sie [S. 114] verführt, und sie buhlten, treulos ihrem Gott.“ Wer aber von dieser doppelten Unzucht abgelassen hat, der hat noch eine dritte zu meiden, die im (alten) Gesetze und dem Aberglauben des Judaismus besteht. Davon sagt der Apostel: 3 „Ihr beobachtet Tage und Monden, Zeiten und Jahre;“ und wieder: 4 „Rühre nicht an, koste nicht und fasse nicht!“ Es ist kein Zweifel, daß Dieß von dem abergläubischen Festhalten am Gesetze gesagt wurde, und wenn Jemand darein fiel, so hat er sicher die Ehe mit Christo gebrochen und verdient nicht vom Apostel zu hören: 5 „Denn ich verlobte euch einem Manne, eine keusche Jungfrau Christo darzubieten;“ sondern an ihn wird in der Rede desselben Apostels das gleich Folgende gerichtet sein: „Ich fürchte aber, daß, wie die Schlange Eva verführt hat durch ihre Schlauheit, so auch euer Sinn verderbt und entfremdet werden möchte der Einfalt, welche ist in Christus.“ Wenn man nun auch der Unreinigkeit dieser Buhlerei entgangen ist, so hat man eine vierte vor sich, welche durch den Ehebruch des häretischen Dogmas begangen wird. Von dieser sagt derselbe hl. Apostel: 6 „Ich weiß, es werden nach meinem Weggange reissende Wölfe unter euch kommen, welche die Heerde nicht schonen. Und aus euch selbst werden Männer aufstehen, die Verkehrtes reden, um die Jüngern nach sich fortzureissen.“ Wer nun auch dieser ausweichen konnte, der hüte sich, daß er nicht durch eine feinere Sünde in das Laster der Unzucht falle, die nemlich in dem Umherschweifen der Gedanken besteht, da jeder nicht nur unreine, sondern auch jeder müßige und von Gott, wenn auch noch so wenig, abweichende Gedanke von dem vollkommenen Manne für die unreinste Buhlerei gehalten wird.

1: Is. 47, 13. Ist aber von Babylon gesagt.
2: Ose. 4, 12.
3: Gal. 4, 10.
4: Koloss. 2, 21.
5: II. Kor. 11, 2.
6: Apostelg. 20, 29.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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