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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Zwölfte Unterredung welche die zweite des Abtes Chäremon ist, über die Keuschheit.

8. Daß Unerfahrene über Natur und Wirkungen der Keuschheit nicht reden können.

Niemand wird nun im Stande sein, Dieß anzunehmen und zu erproben und in sicherer Prüfung zu entscheiden, ob es möglich oder unmöglich sei, wenn er nicht durch lange Erfahrung und Reinheit des Herzens unter Leitung [S. 43] des göttlichen Wortes Fleisch und Geist bis an ihre Grenzen kennen gelernt hat. Darüber sagt der hl. Apostel: 1 „Lebendig ist Das Wort Gottes und wirksam und durchdringender als jedes zweischneidige Schwert, und es geht bis zur Theilung von Seele und Geist, von Fugen und Mark und entscheidet über die Gedanken und Strebungen des Herzens.“ So wird ein Solcher, gleichsam zwischen den Grenzlinien der beiden Gebiete aufgehellt, wie ein Untersuchungs- und Schiedsrichter in gerechter Abwägung entscheiden, was der menschlichen Natur nothwendig und unvermeidlich zugetheilt sei, und was durch lasterhafte Gewohnheit und den Leichtsinn der Jugend zugezogen sei. Er wird in Betreff der Natur und Wirkung dieser Dinge sich nicht bei den falschen Meinungen des Volkes beruhigen, sondern Das Maaß der Reinheit mit der zuverlässigen Waage seiner Erfahrung und gerechten Untersuchung erwägen und sich durchaus nicht von dem Irrthum Jener täuschen lassen, die durch die Schuld ihrer Nachlässigkeit häufiger befleckt werden, als es die Natur fordert, und nun die natürliche Anlage vorschützen. Selbst wenn bekannt ist, daß sie der Natur vielmehr Gewalt anthun und ihr eine Befleckung abpressen, welche sie selbst nicht herbeigeführt hätte, so setzen sie doch ihre Unenthaltsamkeit auf Rechnung eines leiblichen Bedürfnisses, ja sogar des Schöpfers, und wälzen ihre eigene Schuld zur Schmach der Natur ab. Von Diesen heißt es in den Sprüchwörtern 2 gar schön: „Die Thorheit des Mannes verdirbt seine Wege. Gott aber klagt er an in seinem Herzen.“ Wenn endlich Jemand dieser unserer Behauptung den Glauben verweigern will, so bitte ich, daß er nicht in einer vorgefaßten Meinung mit uns streite, bevor er die Lehren dieser Zucht annimmt. Wenn er sie nur wenige Monate nach dem Maaße, Das ihm gezeigt wird, beobachtet hat, so kann er Das, was wir gesagt haben, in wahrem Urtheile bestätigen. Es streitet ja Jeder [S. 44] vergeblich über Das Ziel einer Kunst oder Wissenschaft, wenn er nicht zuvor Alles, was zu deren Ganzheit gehört, mit allem Eifer und Nachdruck verfolgt hat. Wenn ich z. B. behaupten würde, man könne aus Waizen eine Art Honig, oder wieder, wie auch aus Rettig- und Leinsamen, ein ganz zartes Öl bereiten — und es stünde nun Einer bei mir, der von Alldem gar Nichts weiß, würde er nicht schreien, daß Das gegen die Natur der Dinge sei, und mich als den Urheber der offenbarsten Lüge verlachen? Wenn ich Diesem nun unzählige Zeugen bringen würde, die beglaubigten, daß sie Das gesehen, gekostet und selbst gethan hätten; wenn ich ihm überdieß den Grund und die Gesetze darlegen würde, nach welchen jene Stoffe in die Fettigkeit des Öles oder in die Süßigkeit des Honigs verwandelt werden, Jener aber auf seiner thörichten Meinung hartnäckig beharren und läugnen würde, daß aus jenem Samen irgendwelche Süßigkeit oder Fettigkeit hervorgebracht werden könne: müßte man da nicht eher seine unvernünftige und hartnäckige Streitsucht tadeln als meine so wahre Behauptung verlachen, die sich auf Das Ansehen vieler und glaubwürdiger Zeugen, auf feste Beweise und, was mehr ist, auf die Bestätigung durch die Erfahrung stützt? Wer also immer durch beständigen Eifer des Herzens in jenen Zustand der Reinheit gekommen ist, daß sein Geist von jeder Zuckung dieser Leidenschaft völlig befreit ist und nur sein Leib im Schlafe den Übelfluß unnöthiger Säfte ausstößt, der wird Bestimmung und Maaß der Natur am sichersten begreifen und wird erst dann, wenn er nach langer Zeit beim Erwachen wieder einmal merkt, daß sein Leib ohne sein Wissen befleckt wurde, von einem Bedürfnisse der Natur reden. Ohne Zweifel wird ein Solcher noch so weit kommen, daß er als Derselbe erfunden wird bei Nacht wie bei Tage, im Bette wie im Gebete, allein wie mitten unter Schaaren von Menschen. Endlich wird er sich niemals im Verborgenen so ansehen, wie er sich schämen würde, von Menschen gesehen zu werden; 3 und jenes unvermeidliche Auge wird Nichts [S. 45] mehr an ihm entdecken, was vor den Augen der Menschen verborgen sein möchte. Wenn er so angefangen hat, sich an dem süßesten Lichte der Keuschheit beständig zu ergötzen, wird er mit dem Propheten sagen können: 4 „Und die Nacht ist mir Licht in meiner Lust, weil Finsternis nicht dunkel ist vor dir, sondern die Nacht helle ist wie der Tag; wie Das Dunkel in jener, so ist Das Licht an diesem.“ Endlich fügt derselbe Prophet bei, wie er Das erhalten habe, da es ja über die Möglichkeit der menschlichen Natur zu geben scheint, und sagt: „Weil du besaßest meine Nieren,“ d. i. nicht durch meine Tätigkeit und Kraft habe ich diese Reinheit erlangt, sondern weil du die Glut der schändlichen Lust getödtet hast, die meinen Nieren innewohnte.

1: Hebr. 4, 12.
2: Sprüchw. 19, 3.
3: also nicht nackt
4: Ps. 138, 11. 12.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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