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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Zwölfte Unterredung welche die zweite des Abtes Chäremon ist, über die Keuschheit.

[S. 35] 5. Von der Nützlichkeit der Anfechtung, welche die Glut der Brunst in uns erzeugt.

Wollt ihr nun vielleicht für die Wahrheit der genannten Sache einen unwiderleglichen Beweis erhalten, durch den sich auch Das Gesagte bewähre und ihr belehrt werdet, daß dieses Kämpfen mit dem Leibe, Das uns feindlich und schädlich dünkt, zu unserm Nutzen in unsere Glieder gepflanzt worden sei? Erwäget doch, ich bitte euch, welche Ursache wohl Jene, die dem Leibe nach verschnitten sind, in Erstrebung der Tugenden so lau und träg mache. Ist’s nicht ihre Sicherheit, daß für sie keine Gefahr bestehe, die Keuschheit zu verlieren? Das möge mir jedoch Niemand so auslegen, als wollte ich behaupten, daß unter ihnen durchaus kein für die vollkommene Entsagung Begeisterter zu finden sei, sondern so, daß sie gleichsam ihre Natur bezwingen müssen, wenn Einige von ihnen sich die Palme der Vollkommenheit zum Berufe wählen und mit aller Strenge nach ihr streben, deren heisse Liebe Denjenigen, welchen sie einmal entzündet hat, antreibt. Hunger, Durst, Nachtwachen, Blöße und alle Mühen des Körpers nicht nur geduldig, sondern sogar freudig zu ertragen. Denn 1 „es arbeitet der Mann in Schmerzen für sich und thut sich Gewalt an wider seinen Untergang;“ und wieder: 2 „Einer hungernden Seele scheint auch Das Bittere süß.“ Anders nemlich wird Das Verlangen nach den gegenwärtigen Dingen nicht unterdrückt oder ausgerissen werden können, als wenn für jene schädlichen Neigungen, die wir getilgt wünschen, andere heilsame ins Herz geführt werden. Denn bei der Lebhaftigkeit unseres Geistes können wir nicht ohne jede Anregung von Sehnsucht oder Furcht, Freude oder Trauer sein, und diese muß also auf Das Gute gerichtet werden. Wenn wir daher die fleischlichen Begierden aus unserm Herzen zu verbannen wünschen, so wollen wir an ihre Stelle sogleich [S. 36] geistige Neigungen pflanzen, damit unser Geist mit diesen immer beschäftigt sei und so Etwas habe, wobei er beständig verweilen könne mit Verachtung der gegenwärtigen, zeitlichen Freuden. Wann unser Geist durch tägliche Übung in diesen Zustand gekommen sein wird, dann wird er aus Erfahrung die Stimmung jenes Verses erfassen, den wir zwar alle in der gewohnten Psalmenweise singen, dessen Bedeutung aber nur wenige Erfahrene verstehen: 3 „Ich sehe den Herrn immer vor meinen Augen, denn er ist zu meiner Rechten, damit ich nicht wanke.“ Jener allein nemlich kann eine lebendige Einsicht in die Bedeutung dieses Liedes erlangen, welcher zu der genannten Reinheit Leibes und der Seele kam und nun versteht, daß er jeden Augenblick von Gott bewahrt werde, damit er nicht wieder ins Alte zurückfalle, und daß seine Rechte, d. i. seine heiligen Handlungen beständig von Jenem beschützt werden. Denn Gott ist seinen Heiligen nicht zur linken Seite gegenwärtig, da ja ein Heiliger nichts Linkes an sich hat — sondern von der Rechten, aber von den Sündern und Gottlosen wird er nicht gesehen, weil sie nicht jene rechte Seite an sich haben, welcher der Herr nahe zu sein pflegt, und sie können nicht mit dem Propheten sagen: 4 „Meine Augen sind immer auf den Herrn gerichtet, denn er wird meine Füße aus der Schlinge befreien.“ Das wird Keiner in Wahrheit sagen können, der nicht Alles, was in dieser Welt ist, entweder für schädlich oder für überflüssig oder doch für Etwas den höchsten Tugenden weit Nachstehendes hält und nun all sein Schauen, Streben und Sorgen fest auf die Pflege seines Herzens und der keuschen Reinheit richtet. So wird ein durch solche Übungen gebildeter und durch seine Fortschritte verfeinerter Geist zu der vollkommenen Reinheit des Leibes und der Seele gelangen.

1: Sprüchw. 16, 26 (LXX).
2: Sprüchw. 27, 7.
3: Ps. 15, 8.
4: Ps. 24, 15.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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