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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Zwölfte Unterredung welche die zweite des Abtes Chäremon ist, über die Keuschheit.

16. Über Mittel und Zweck bei Erwerbung und Bewahrung der Keuschheit.

Es ist also für Jeden von uns, der mit aller Kraft sich gegen den Geist der Unzucht abmüht, ein ganz besonderer Sieg, Das Mittel nicht in den Werth seines Ringens zu setzen. Obwohl dieser Glaube leicht und Allen zugänglich scheint, so besitzen ihn doch Anfänger so schwer als die Vollkommenheit der Keuschheit. Denn wenn ihnen nur ein kleiner Theil der Reinheit lächelt, so schleicht sich schon in die verborgenen Tiefen ihres Innern sachte eine gewisse Überhebung, in der sie sich schmeicheln, und da sie nun glauben, sie hätten jene durch den Eifer ihres Strebens erreicht, so ist nothwendig, daß sie von jenem himmlischen Schutze ein wenig entblößt, so lange von jenen Leidenschaften, welche die göttliche Kraft ausgelöscht hatte, unterdrückt werden, bis sie durch Erfahrung belehrt einsehen, daß sie durch ihre Kraft und Thätigkeit Das Gut der Reinheit nicht erreichen können. Damit wir nun unsere Unterredung über Das Ziel der vollsten Keuschheit, die wir in langem Nachtwachen geführt haben, kurz beschließen, indem wir [S. 56] alles so reichlich und einzeln Dargestellte in Eines zusammenfassen: so ist Das die Vollendung der Keuschheit, daß den wachenden Mönch kein Wohlgefallen an irgend einer Lust bestricke, den schlafenden aber kein Spiel der Träume täusche; sondern daß, wenn im Schlafe durch die Sorglosigkeit des betäubten Geistes eine fleischliche Aufregung entsteht, sie sich ohne jeden Reiz des Körpers wieder beruhige, wie sie ohne irgend eine Zuckung der Lust entstanden ist. Das haben wir nun über Das Ziel der Keuschheit, soweit wir konnten, nicht mit bloßem Wortschwall, sondern nach der Lehre der Erfahrung auseinandergesetzt. Obwohl ich glaube, daß Dieß von Trägen und Nachlässigen vielleicht für unmöglich gehalten wird, so bin ich doch sicher, daß es von eifrigen und geistigen Männern eingesehen und gebilligt wird. Denn der Unterschied zwischen Mensch und Mensch ist so groß als der Abstand Dessen, worauf die Meinung ihres Gemüthes gerichtet ist, nemlich des Himmels von der Hölle oder Christi von Belial, nach jenem Ausspruche unsers Herrn und Erlösers: 1 „Wenn Jemand mir dient, der folge mir nach; und wo ich bin, wird auch mein Diener sein;“ und wieder: 2 „Wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein.“

Soweit lehrte der fromme Chäremon über die Vollkommenheit der Keuschheit und beschloß seine bewunderungswürdige Lehre von der erhabensten Reinheit damit, daß er uns, den Bestürzten und Angstvollen, rieth, wir sollten, weil der größere Theil der Nacht schon vorüber sei, die Glieder ein wenig der Ruhe überlassen und sie nicht ganz um die natürliche Speise des Schlafes betrügen, damit nicht auch der Geist schlaff werde durch die Ermüdung des Körpers und so die Kraft der heiligen Spannung verliere.

1: Joh. 12, 26.
2: Matth. 6, 21.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger