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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Zwölfte Unterredung welche die zweite des Abtes Chäremon ist, über die Keuschheit.

12. Von den wunderbaren Dingen, welche der Herr eigens an seinen Heiligen wirkt.

Ja groß in der That und wunderbar und nur den [S. 50] Erfahrenen ganz bekannt ist Das, was der Herr mit unaussprechlicher Freigebigkeit seinen Getreuen, selbst so lange sie noch in diesem Gefäße des Verderbens wohnen, mittheilt. Das durchsah der Prophet in der Reinheit seines Geistes und rief sowohl in seinem als Derjenigen Namen, die zu solchem Zuständen und Stimmungen gelangen, aus: 1 „Wunderbar sind deine Werke, o Herr, und meine Seele erkennt sie gar wohl.“ Es wäre ja nicht einzusehen, was der Prophet Großes oder Neues gesagt hätte, wenn man glauben wollte, daß er von einer andern Herzenserfahrung oder andern Werken Gottes Dieß gemeint habe. Denn es gibt ja doch Keinen, der nicht auch aus der Größe der Schöpfung erkannte, daß die Werke Gottes wunderbar seien. Was aber Gott in seinen Heiligen täglich wirkend zu Stande bringt und mit besonderer Freigebigkeit reichlich ausgießt, Das erkennt Niemand als die Seele des Genießenden, die in der Stille des Gewissens so sehr die einzige Zeugin seiner Wohlthaten ist, daß sie dieselben nicht nur mit keinem Worte darlegen, sondern nicht einmal mit Sinn und Gedanke erfassen kann, wenn sie von dieser feurigen Inbrunst hinweg wieder in diese materiellen und irdischen Anschauungen herabgezogen wird. Wer sollte auch die Werke Gottes an sich nicht bewundern, wenn er die unersättliche Gefräßigkeit des Leibes, den so theuren und verderblichen Aufwand für den Gaumen so in sich unterdrückt sieht, daß er nur selten und widerwillig ein Bischen ganz werthlose Speise zu sich nimmt! Wer sollte nicht staunen über die Werke Gottes, wenn er fühlt, daß jenes Feuer der Leidenschaft, Das er für naturnothwendig und unauslöschlich hielt, so erkaltet sei, daß er sich nicht einmal durch eine einfache Regung des Körpers aufgereizt findet! Wer sollte nicht erschauern vor der Macht Gottes, wenn er sieht, daß sonst harte und grausame Menschen, die selbst durch den zartesten Gehorsam der Untergebenen zur höch- [S. 51] sten Zorneswuth gereizt wurden, zu einer solchen Sanftmuth sich bekehrt haben, daß sie nicht nur durch keine Beleidigungen mehr gereizt werden, sondern sich über die zugefügten mit der höchsten Großherzigkeit freuen! Wer in der That sollte nicht die Werke Gottes bewundern und mit aller Rührung ausrufen: 2 „Ich habe erkannt, daß der Herr groß ist,“ wenn er sich selbst oder irgend einen Andern statt räuberisch freigebig, statt verschwenderisch enthaltsam, statt hochmüthig und überfein und verzärtelt jetzt demüthig, schmutzig und rauh geworden sieht, so daß er die Dürftigkeit und Bedrängniß dieser unserer Lage freiwillig erträgt! Das sind wahrhaft wunderbare Werke Gottes, welche die Seele des Propheten und der ihm Ähnlichen als etwas Ausserordentliches sieht, erstaunt bei dem Anblicke des wunderbaren Bildes. Das sind die Wunderzeichen, die der Herr gesetzt hat auf die Erde, bei deren Betrachtung ebenderselbe Prophet alle Völker zu ihrer Bewunderung aufruft mit den Worten: 3 „Kommet und schauet die Werke des Herrn, die er hingestellt hat als Wunderdinge auf Erden, da er die Kriege verdrängte bis an die Grenzen der Erde; den Bogen zertrümmert er und zerbricht die Waffen und verbrennt die Schilde im Feuer.“ Denn was kann es für ein größeres Wunderding geben, als daß in einem ganz kurzen Augenblicke aus den raubsüchtigsten Zöllnern Apostel werden, daß grausame Verfolger in die geduldigsten Prediger des Evangeliums sich verwandeln, so daß sie den Glauben, welchen sie verfolgten, selbst mit Vergießung ihres Blutes verbreiten? Das sind die Gottesthaten, von denen der Sohn bezeugt, daß er sie täglich zugleich mit dem Vater wirke. 4 „Mein Vater,“ sagt er, „wirkt bis heute, und ich wirke auch.“ Von diesen Werken Gottes sagt der heilige David, indem er im Geiste lobsingt: 5 „Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels, der allein große Wunder thut.“

[S. 52] Von ihnen sagt auch der Prophet Amos: 6 „Der Alles macht und ändert und Todesschatten wandelt in Morgenlicht.“ Das ist nemlich die Umwandlung, die von der Rechten des Allerhöchsten kommt. Betreffs dieses heilsamen Gotteswirkens bittet der Prophet den Herrn, indem er sagt: 7 „Befestige, o Gott, Das, was du in uns gewirkt Hast.“ Ich will nun schweigen von jenen heimlichen und verborgenen Erweisen Gottes, deren besondere Wirkung der Geist aller Heiligen jeden Augenblick in sich erfährt, und von jener himmlischen Eingießung geistiger Freude, durch welche die gedrückte Seele mit der Heiterkeit einer unverhofften Wonne erhoben wird zu jenen geheimnißvollen Entzückungen des Herzens und zu unaussprechlichen und unerhörten Trostesfreuden, die uns zuweilen aus der trägsten Erstarrung zum glühendsten Gebete wie aus tiefem Schlafe erwecken. Das ist die Freude, von der der hl. Apostel sagt: 8 „Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr gehört, und in keines Menschen Herz ist es gedrungen,“ nemlich nicht eines solchen, der durch irdische Laster gelähmt noch Mensch ist, menschlichen Leidenschaften anhängt und Nichts von jenen Gaben Gottes erfährt. Endlich fügt derselbe Apostel sowohl von sich, als den ihm Ähnlichen, welche die menschliche Lebensweise aufgegeben hatten, die Worte bei: „Uns aber hat es Gott geoffenbart durch seinen Geist.“

1: Ps. 138, 14.
2: Ps. 134, 5.
3: Ps. 45, 9. 10.
4: Joh. 5, 17.
5: Ps. 71, 18.
6: Amos 5, 8. Vulgata sehr verschieden.
7: Ps. 67, 29.
8: I. Kor. 2, 9.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger