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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Zwölfte Unterredung welche die zweite des Abtes Chäremon ist, über die Keuschheit.

11. Daß ein großer Unterschied sei zwischen der Keuschheit und Enthaltsamkeit.

Die Vollkommenheit der Keuschheit unterscheidet sich also von der mühevollen Vorstufe der Enthaltsamkeit durch die beständige Ruhe. Denn Das ist eben die Vollendung der wahren Keuschheit, die nicht mehr ankämpft gegen die Bewegungen der fleischlichen Begierde, sondern sie mit ganzem Entsetzen verabscheut und so ihre beständige und unverletzliche Reinheit bewahrt und nichts Anderes sein kann als Heiligkeit. Das wird aber geschehen, wenn Das Fleisch einmal aufhört gegen den Geist zu begehren, und vielmehr seinen Begierden und seiner Tugend beistimmt und beide anfangen, im vollsten Frieden beisammen zu sein, so daß sie nach dem Ausspruche des Psalmisten wie Brüder zusammenwohnen im Besitze jener vom Herrn versprochenen Seligkeit, von der er sagt: 1 „Wenn Zwei von Euch einig sind auf Erden bezüglich irgend einer Sache, um welche sie je bitten mögen: werden wird sie ihnen von meinem Vater, der im Himmel ist.“ Wer also die Stufe jenes geistigen Jakob, d. i. des Umstürzers, über- [S. 48] schritten hat, der wird von jenem Kampfe der Enthaltsamkeit und der Ausrottung der Laster mit gelähmtem Hüftennerv in beständiger Geradheit des Herzens zu dem Verdienste Israels aufsteigen. Diese Reihenfolge hat auch der hl. David auf Einübung des göttlichen Geistes so unterschieden, da er am Anfang sagt: 2 „Bekannt ist Gott in Judäa,“ d. i. in der Seele, die noch von dem Bekenntnisse ihrer Sünden zurückgehalten wird, denn Judäa bedeutet Bekenntniß; „in Israel“ aber, d. i. in dem, der Gott schaut, oder, wie Einige erklären, in dem, der ganz recht vor Gott ist, da ist er nicht nur bekannt, sondern ist auch „groß sein Name“. Dann ruft er uns noch zu Höherem, will auch den Ort selbst zeigen, an welchem der Herr seine Freude hat, und sagt: „Und im Frieden ist seine Stätte,“ d. i. nicht im Zusammenstoße des Kampfes und im Ringen mit den Lastern, sondern im Frieden der Keuschheit und in der beständigen Ruhe des Herzens. Wenn es also Jemandem gelungen ist, diesen Ort des Friedens durch Auslöschung der fleischlichen Leidenschaften zu erreichen, so wird er auch von da noch weiter aufsteigen, und zum geistigen Sion, d. i. zur Warte Gottes geworden wird er auch dessen Wohnung sein. Denn nicht im Kampfe der Enthaltsamkeit, sondern auf der feststehenden Warte der Tugenden wohnt der Herr, wo er nicht mehr bloß zurückstößt oder unterdrückt, sondern auf ewig zerbricht die mächtigen Bogen, von denen einst gegen uns die feurigen Geschoße der Luft gerichtet wurden. Ihr seht also, daß nicht im Ringen der Enthaltsamkeit, sondern im Frieden der Keuschheit des Herrn Ort ist und ebenso seine Wohnung auf der Höhe und Beschaulichkeit der Tugenden. Deßhalb werden nicht mit Unrecht die Thore Sions allen Gezeiten Jakobs vorgezogen: 3 „Denn es liebt der Herr die Thore Sions über alle Zelte Jakobs.“ Wenn ihr nun aber die Aufregung des Fleisches deßhalb für unvermeidlich erklärt, weil der Urin, wenn er [S. 49] die Blase durch beständiges Einträufeln erfüllt hat, auch die ruhigen Glieder aufregt, so muß man Folgendes wissen: Obwohl diese Aufregung den wahrhaft nach Keuschheit Strebenden zur Erreichung derselben kein Hinderniß ist, da sie nur zuweilen und im Schlafe dieser nothwendige Zustand verursacht: so werden doch die so erregten Glieder durch die Herrschaft der Keuschheit zu ihrer gewöhnlichen Ruhe zurückgeführt, so daß sie nicht nur ohne Reiz, sondern auch ohne die geringste lüsterne Erinnerung sich beruhigen. Damit aber nun Das Gesetz des Leibes mit dem der Seele übereinstimme, so ist selbst beim Wassertrinken Das Zuviel so zu beschneiden, daß jene tägliche Ansammlung von Säften in die zuerst trocken gewordenen Glieder fließt und so jene Aufregung des Körpers, die ihr für unvermeidlich haltet, nicht nur zu einem sehr seltenen, sondern auch zu einem milden und lauen, ja, um mich so auszudrücken, kalten Feuer mache und ohne Hitze und Brand eine gleichsam thauige Flamme errege, ähnlich jener wunderbaren Erscheinung des Moses, so daß der Dornbusch unseres Leibes von unschädlichem Feuer umgeben nicht brennender ähnlich jenen drei Jünglingen, denen durch den Thau des Geistes die Flamme des chaldäischen Ofens so abgewendet wurde, daß die Glut nicht einmal ihr Haar oder dessen äusserste Spitzen berührte. So mögen wir gewissermaßen Das, was den Heiligen durch den Propheten versprochen wird, dem Anfange nach schon in diesem Leibesleben besitzen: „Wenn du durch Feuer wandelst, wirst du nicht gebrannt werden, und die Flamme wird für dich nicht glühend sein.“ 4

1: Matth. 18, 19.
2: Ps. 75, 1—5.
3: Ps. 86, 2.
4: Is. 43, 2.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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