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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Zwölfte Unterredung welche die zweite des Abtes Chäremon ist, über die Keuschheit.

2. Von dem Körper der Sünde und seinen Gliedern.

Dieser Leib der Sünde also besteht nachweislich aus vielen Gliedern der Laster, und zu seinen Theilen gehört, was immer in That, Wort oder Gedanken gesündigt wird. Von seinen Gliedern aber heißt es ganz richtig, daß sie auf der Erde seien; denn Diejenigen, welche sich ihrer bedienen, können nicht in Wahrheit behaupten: „Unser Wandel ist im Himmel.“ Da nun der Apostel an dieser Stelle die Theile dieses Körpers aufzählt, sagt er: „Tödtet ab eure Glieder, die auf der Erde sind, die Unzucht, Unreinigkeit, Lüsternheit, die böse Begierde, den Geiz, der da Götzendienst ist.“ An erster Stelle glaubte er also die Unzucht anführen zu müssen, die durch fleischliche Vermischung geschieht. An zweiter Stelle nannte er die Unreinigkeit, welche zuweilen ohne jede Berührung eines Weibes Schlafende oder Wachende durch die Sorglosigkeit des unbewach- [S. 31] ten Geistes überrascht. Sie wird denn auch im Gesetze gerügt und verwehrt und entzieht Dasselbe jedem Unreinen nicht nur die Theilnahme an dem hl. Fleische, sondern läßt, damit sie nicht durch ihre Berührung Das Heilige beflecken, sie auch von der Gemeinschaft der Lagerzelte entfernen, da es sagt: 1 „Jede Seele, die von dem Fleische des Heilsopfers (Das dem Herrn gehört) aß, obwohl Unreinigkeit an ihr war, wird zu Grunde gehen vor dem Herrn, und was immer der Unreine anrührte, wird unrein sein.“ Im Deuteronomium heißt es: 2 „Wenn unter euch ein Mensch ist, der durch nächtlichen Traum befleckt wurde, so gehe er aus dem Lager heraus und lehre nicht zurück, bis er sich gegen Abend mit Wasser wusch; nach Sonnenuntergang mag er in’s Lager zurückkehren.“ — Dann setzt er als drittes Glied der Sünde die Lüsternheit, die in den Schlupfwinkeln der Seele glimmend Alles in Brand stecken kann auch ohne Theilnahme des Körpers. Denn es ist kein Zweifel, daß sie Lüsternheit genannt wurde davon, daß man gelüstet. — Dann steigt er von den größern Sünden zu den kleinern herab und führt als viertes Glied die böse Begierde an, die nicht nur zu der genannten Leidenschaft der Unkeuschheit in Beziehung steht, sondern überhaupt zu allen sündhaften Begehrungen, und an der nur der verderbte Wille krankt. Von ihr sagt der Herr im Evangelium: 3 „Wer ein Weib ansieht, ihrer zu begehren, der hat schon in seinem Herzen mit ihr Ehebruch getrieben.“ Es ist freilich etwas Größeres, die Begierde des lüsternen Geistes auch dann im Zaume zu halten, wenn ihm die Gelegenheit eines reizenden Anblickes geboten wird. Es zeigt sich hier aber auch ganz deutlich, daß zur vollkommenen Reinheit die bloße Keuschheit der körperlichen Enthaltung nicht hinreiche, wenn ihr nicht die Unbeflecktheit des Innern beigefügt wird. — Nach alldem nennt er endlich als letztes Glied dieses Körpers auch den Geiz, ohne Zweifel um zu zeigen, daß [S. 32] man Das Gemüth nicht nur vor dem Verlangen nach fremdem Gute bewahren müsse, sondern daß man auch sein Eigenthum großherzig gering schätzen müsse. Das hat, wie wir in der Apostelgeschichte lesen, auch die Menge der Gläubigen gethan. von der es heißt: 4 „Die Menge der Gläubigen aber hatte nur Ein Herz und Eine Seele, und Keiner nannte Etwas von dem, was er besaß, sein eigen, sondern, es war ihnen Alles gemeinschaftlich.“ Denn die, welche Äcker oder Häuser besaßen, verkauften sie und brachten den Erlös für Das Verkaufte und legten ihn den Aposteln zu Füßen. Den Einzelnen aber wurde gegeben, wie es Jeder bedurfte. Damit es nun nicht scheine, als ob Das nur eine Vollkommenheit für Wenige sei, lehrt der Apostel, daß der Geiz ein Götzendienst sei. Und nicht mit Unrecht. Denn wer immer den Bedürfnissen der Armen nicht abhilft und sein Geld, Das er mit der Hartnäckigkeit des Ungläubigen festhält, den Geboten Christi vorzieht, der fällt in Das Verbrechen des Götzendienstes, da er die Liebe zu einer geschöpflichen Sache der göttlichen Liebe vorzieht.

1: Lev. 7, 20.
2: Deut. 23, 10. 11.
3:
4: Apostelg. 4, 32. 34. 35.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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