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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Achte Unterredung, welche die zweite mit Abt Serenus ist über die Herrschaften oder Mächte.

7. Über den Anfang der Herrschaften oder Mächte.

Kein Gläubiger bezweifelt, daß Gott vor Grundlegung dieser sichtbaren Kreatur geistige und himmlische Kräfte geschaffen habe, die gerade dafür, daß sie wußten, wie sie durch die Güte des Schöpfers aus Nichts zu einer so herrlichen Seligkeit hervorgebracht seien, ihm ewigen Dank sagen und unaufhörlich seinem Lobpreis obliegen sollten. Denn wir dürfen nicht glauben, daß Gott zuerst mit der Gründung dieser Welt den Anfang im Schaffen und Wirken gemacht [S. 515] habe, als sei er in jenen frühern und unzähligen Jahrhunderten aller Vorsorge und Thätigkeit ledig gewesen, und als müßte man glauben, er habe Niemand gehabt, dem er die Wohlthaten seiner Güte hätte spenden können, und sei einsam und ohne alle Freigebigkeit gewesen. Das hieße von jener unermeßlichen, ewigen und unbegreiflichen Majestät wohl sehr niedrig und ungeziemend denken, da doch der Herr selbst von jenen Mächten so spricht: „Da die Sterne gemacht wurden allzumal, lobten mich mit lauter Stimme alle meine Engel.“ 1 Die also bei der Erschaffung der Gestirne zugegen sind, werden dadurch auf’s Klarste erwiesen als erschaffen vor jenem Anfang, in welchem, wie es heißt, Himmel und Erde gemacht wurden, da ja erzählt wird, daß sie für all jene sichtbaren Kreaturen, die sie aus dem Nichts hervorgehen sahen, den Schöpfer mit lauter Stimme voll Bewunderung lobten. Also vor jenem zeitlichen Anfang, der von Moses gesetzt wird, und der nach dem historischen und jüdischen Sinne das Alter dieser Welt bezeichnet; — ich wahre aber unsere Auslegung, nach der wir erklären, daß Christus der Anfang aller Dinge sei, in welchem der Vater Alles erschaffen habe, nach jener Stelle: „Alles ist durch ihn gemacht, und ohne ihn ist Nichts gemacht worden;“ — vor jenem zeitlichen Anfang der Genesis also, sage ich, hat Gott ohne Zweifel alle jene Mächte und himmlischen Kräfte erschaffen. Diese zählt der Apostel der Reihe nach auf und nennt sie so: 2 „In Christus ist Alles erschaffen, was im Himmel oder was auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, Engel und Erzengel, Throne und Herrschaften, Fürsten und Mächte! Alles ist durch ihn und in ihm erschaffen.“ 3

1: Job 38, 7 (Sept.).
2: Kol. 1, 16.
3: Die hier vorgetragene Ansicht, gemäß welcher die Engel schon lange vor der materiellen Welt waren geschaffen worden, ist nur von wenigen Vätern vertreten und dürfte sich mit der Lehre des vierten Lateran-Concils und des Vatikanums über die Schöpfung schwer vereinbaren lassen. Uebrigens sind wir weit entfernt, es als entschiedenen Verstoß gegen den Glauben zu erklären, gestützt auf die Autorität Gregors von Nazianz und etlicher anderer Väter, zu lehren, daß die Engel lange vor dieser sichtbaren Welt erschaffen wurden, obwohl die allgemein von den Theologen angenommene Lehre dahin lautet, daß die Engel am ersten Tage zugleich mit Himmel und Erde erschaffen wurden. Aber wozu bedurfte es doch dieser gar zu menschlich beschränkten Anschauungsweise, mit welcher Serenus seine Lehre begründet? Da wird von frühern unzähligen Jahrhunderten geredet, welche der Schöpfung, also doch wohl auch der Erschaffung der Zeit vorausgegangen seien, und so die Ewigkeit Gottes doch in gar zu irdisch vorstellungsmäßiger Weise aufgefaßt; und nun soll gar die „Beschäftigung“ &c. Gottes in diesen „Jahrhunderten“ dadurch gerettet werden, daß er möglichst viele und hohe Geister erschuf; als ob Gott in seinem unendlichen trinitarischen Leben, Mittheilen und Beisichsein irgend ein Bedürfniß nach der Gesellschaft von Geschöpfen hätte haben können, denen gegenüber er sich thätig und gütig zeigen könnte. — Und waren denn vor Erschaffung der Engel, so viele Jahrhunderte ihnen auch zugerechnet werden, nicht immer wieder unendliche Jahrhunderte anzunehmen, wenn unsere Phantasie der Ewigkeit Gottes in Etwas entsprechen will? Man müßte also zuletzt die Engel als gleichewig mit Gott auffassen, damit Gott nie „unthätig“ und „allein“ war.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger