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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Achte Unterredung, welche die zweite mit Abt Serenus ist über die Herrschaften oder Mächte.

21. Lösung der vorgelegten Frage.

Serenus: Ihr habt zwei nicht unbedeutende Fragen zugleich vorgelegt, über welche ich nach meinem Vermögen in derselben Ordnung antworten will, in der ihr sie vorgelegt habt. Man darf durchaus nicht glauben, daß geistige Naturen mit Frauen fleischlich sich verbinden könnend. 1 Wenn das jemals buchstäblich hätte geschehen können, warum sollte nicht auch jetzt noch Ebendasselbe häufig vorkommen, und warum sollten wir nicht sehen, daß ohne Samen und männlichen Umgang Einige von Weibern geboren würden aus teuflischer Empfängniß? Steht ja doch zumal fest, daß Jene an dem Schmutz der Lüste sich sehr ergötzen, und sie würden Solches also lieber selbst ausüben als durch Menschen ausüben lassen, wenn es nur irgend möglich wäre. Auch der Prediger 2 sagt uns Das: „Was ist Das, was war? Eben das, was ist. Und was ist Das, was geschehen ist? Eben das, was geschehen wird, und es gibt nichts Neues unter der Sonne, daß man sagen und sprechen könnte: Sieh, das ist neu – es war nicht in den Jahrhunderten, die vor uns waren.“ Aber die vorgelegte Frage wird so erledigt: Nach dem Tode des gerechten Abel wurde, damit nicht von einem Brudermörder und Gottlosen das [S. 531] ganze Menschengeschlecht abstamme, zum Ersatz für den todten Bruder Seth geboren, der nicht nur in die Nachkommenschaft, sondern auch in die Frömmigkeit und Gerechtigkeit seines Bruders eintreten sollte. Seine Nachkommen folgten der Gerechtigkeit des Vaters und blieben von der Gemeinschaft und Verbindung mit jenen Verwandten, die von dem sakrilegischen Kain abstammten, immer fern, wie auch die Aufzählung der Genealogie klar zeigt, da sie so sagt: „Adam zeugte Seth, Seth zeugte Enos, Enos zeugte Kainan, Kainan aber zeugte Malaleel, Malaleel aber zeugte Iareth, Iareth zeugte Enoch, Enoch zeugte Mathusalem, Mathusalem zeugte Lamech, Lamech zeugte Noe.“ Gleichfalls wird die Genealogie Kains getrennt so aufgezeichnet: „Kain zeugte Enoch, Enoch zeugte Irath, Irath zeugte Maviael, Maviael zeugte Mathusael, Malhusael zeugte Lamech, Lamech zeugte Iubal.“ Also jenes Geschlecht, welches dem Stamme des gerechten Seth entsproßte, verband sich beständig innerhalb seiner Linie und Verwandtschaft und verharrte in langem Zeitlauf in der Heiligkeit des Vaters und Ahnherrn, durchaus nicht angesteckt von den Gräueln und der Bosheit jenes schändlichen Geschlechtes, das in sich gleichsam den Samen der Ruchlosigkeit durch die Erbschaft des Ahnen eingepflanzt behielt. So lange also unter ihnen diese Trennung des Geschlechtes blieb, wurden jene Nachkommen Seths, als aus der besten Wurzel hervorgehend, wegen ihrer Heiligkeit „Engel Gottes“ oder, wie andere Exemplare haben, Söhne Gottes genannt. Anderseits hießen Jene sowohl wegen der eigenen Ruchlosigkeit als auch der ihrer Väter und wegen ihrer irdischen Werke „Söhne der Menschen“. Da also zwischen ihnen bis auf jene Zeit diese Nützliche und gute Trennung bestand, sahen nachher die Söhne Seths, welche Söhne Gottes waren, die Töchter Jener, welche aus dem Stamme Kains entsproßten, und nahmen sich, entbrannt von der Begierde nach ihrer Schönheit, aus ihnen Gattinen, welche ihren Männern die Bosheit ihrer Väter einflößten und sie alsbald von jener angestammten Heiligkeit und väterlichen [S. 532] Einfalt herabbrachten. An diese ist, passend genug, jener Ausspruch gerichtet: 3 „Ich habe es gesagt: Ihr seid Götter und Söhne des Allerhöchsten insgesammt. Ihr aber werdet sterben wie die Menschen, und wie einer von den Fürsten werdet ihr fallen.“ Diese fielen nun ab von jener wahren Lehre der Naturkenntniß, die ihnen von den Ahnen überliefert worden war, und welche offenbar jener erste Mensch hatte erreichen können, welcher der Einrichtung aller Naturen nachspürend folgte, so daß er sie seinen Nachkommen sicher begründet überliefern konnte. Er hatte ja die Welt in ihrer zarten Kindheit gesehen, da sie gleichsam noch in den ersten Regungen und ohne Ausbildung war, und in ihm wohnte nicht nur eine solche Fülle der Weisheit, sondern auch die Gabe der Weissagung, die ihm durch jenen göttlichen Anhauch eingegossen war, daß er als Bewohner dieser noch uranfänglichen Welt allen Lebwesen Namen gab und nicht nur die Zorneskräfte und Giftzähne aller Arten von Thieren und Schlangen unterschied, sondern auch die Kräfte der Pflanzen und Bäume, die Natur der Steine und den Wechsel der noch nicht erfahrenen Zeiten eintheilte, so daß er wahrlich sagen konnte: 4 „Gott gab mir die wahre Wissenschaft dessen, was ist, so daß ich kenne die Eintheilung des Erdkreises und die Kräfte der Elemente, den Anfang, das Ende und die Mitte der Zeiten, den Lauf der Jahre und die Stellung der Gestirne, die Natur der Thiere und die Wuth der Bestien, die Gewalt der Geister und die Gedanken der Menschen, die Arten der Bäume und die Kräfte der Wurzeln, was verborgen ist und was zur Hand liegt, erkenne ich.“ Diese Kenntniß nun aller Naturen hat die Nachkommenschaft Seths in der Reihenfolge der Geschlechter durch väterliche Überlieferung überkommen und, so lange sie von dem gottlosen Geschlechte getrennt blieb, auch das heilig Übernommene sowohl zum Dienste Gottes als zum allgemeinen Wohle ausgeübt. Nach- [S. 533] dem sie sich aber mit den ruchlosen Stämmen vermischt hatte, wurde, wohl auch auf Antrieb der Teufel, die fromme Wissenschaft zu unheiligen und schädlichen Dingen mißbraucht, und man stellte aus ihr in verwegener Weise ge-heimnißvolle Zauberkünste und Blendwerk und magischen Aberglauben her, den Nachkommen zur traurigen Lehre, daß sie die heilige Verehrung des göttlichen Namens verlassen und diese Elemente oder das Feuer oder die Geister der Luft anbeten und verehren sollten. Wie nun diese besagte Kenntniß absonderlicher Dinge in der Sündfluth nicht unterging und den nachfolgenden Zeiten bekannt wurde, glaube ich doch kurz durchnehmen zu müssen, obwohl es die Lösung der vorgelegten Frage durchaus nicht verlangt, sondern nur weil uns die Gelegenheit dieser Auseinandersetzung dazu mahnt. Soweit die alten Überlieferungen berichten, hat Cham, der Sohn des Noe, der von diesen unheiligen, abergläubischen und gotteslästerlichen Künsten angesteckt war, da er wohl wußte, daß er kein Gedenkbuch über dieselben in die Arche bringen könne, in die er mit seinem gerechten Vater und seinen hl. Brüdern gehen wollte, — er hat diese schändlichen Künste und unheiligen Erklärungen auf verschiedenen Metallplatten, die durch die Wasserfluth nicht verdorben werden könnten, und auf die härtesten Steine eingegraben. Nach der Sündfluth forschte er darnach mit derselben Wissenssucht, aus der er sie verborgen hatte, und überlieferte so den Samen der Gottlosigkeiten und der ewigen Bosheit auf die Nachkommen. Das ist die eigentliche Wahrheit an jenem Volksglauben, daß Engel die Zauberei und verschiedene Künste den Menschen überliefert haben. Von den genannten Söhnen nun des Seth und den Töchtern Kains sind noch bösere Söhne erzeugt worden, die da sehr starke Jäger waren, gar gewaltthätige und trotzige Männer, die wegen der ungeheuren Größe ihrer Körper, ihrer Grausamkeit und Bosheit Giganten genannt wurden. Diese fingen zuerst an, ihre Nachbarn zu plündern und die Leute zu berauben, da sie lieber ihr Leben durch Beute fristen wollten, als sich bei dem Schweiße der Mühe und [S. 534] Arbeit zufrieden geben. Ihre Laster aber waren so angewachsen, daß die Welt nur durch die Sündfluth gesühnt werden konnte. So mußte also für die Söhne Seths, welche im Reize der Lüsternheit jenes Gebot übertreten hatten, das von Anbeginn der Welt mit natürlichem Takte so lange gehalten worden war, dasselbe nachher durch den Buchstaben des Gesetzes wieder hergestellt werden: „Gib deine Tochter nicht seinem Sohne zur Gattin, noch nimm von ihren Töchtern für deinen Sohn, weil sie eure Herzen verführen werden, daß ihr abweichet von euerem Gott und ihren Göttern nachgebet und ihnen dienet.“ 5

1: Daß Dieß dennoch in irgend einer Weise geschehen sei und geschehe und wie, hat die Mystik zu zeigen. Siehe Görres’ dämonische Mystik.
2: Pred. 1, 9.
3: Ps. 81, 6. 7.
4: Weish. 7, 17 ff.
5: Deut. 7, 3.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger