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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
33. Vortrag

5.

Was also antwortete der Herr Jesus? Was antwortete die Wahrheit? Was antwortete die Weisheit? Was antwortete die Gerechtigkeit, der eine Schlinge gelegt wurde? Er sagte nicht: Sie soll nicht gesteinigt werden, um sich nicht den Anschein zu geben, als spreche er gegen das Gesetz. Ferne aber sei, daß er sagte: Sie soll gesteinigt werden; denn er kam nicht, um zu verderben, was er gefunden hatte, sondern um zu suchen, was verloren war1. Was also antwortete er? Sehet, [S. 518] wie seine Antwort voll ist von Gerechtigkeit, voll von Sanftmut und Wahrheit! „Wer von euch ohne Sünde ist“,sagte er, „der werfe zuerst einen Stein auf sie.“ O Antwort der Weisheit! Wie hat er sie bei sich selbst einzukehren gezwungen? Denn nach außen schmiedeten sie Ränke, sich selbst aber im eigenen Innern erforschten sie nicht; die Ehebrecherin machten sie ausfindig, in sich selbst blickten sie nicht. Die Gesetzesübertreter verlangten den Vollzug des Gesetzes, und zwar aus Ränkesucht, nicht in Wahrheit, als ob sie den Ehebruch durch eigene Keuschheit verdammen würden. Ihr habt gehört, o Juden, ihr habt gehört, o Pharisäer, ihr habt gehört, o Gesetzeslehrer, den Wächter des Gesetzes, aber ihr habt noch nicht verstanden den Geber des Gesetzes. Was sonst zeigt er euch an, indem er mit dem Finger auf die Erde schreibt? Mit dem Finger Gottes nämlich wurde das Gesetz geschrieben, aber wegen der Harten wurde es auf Stein geschrieben2. Nunmehr schrieb der Herr auf die Erde, weil er nach einer Frucht suchte. Ihr habt also gehört: Das Gesetz soll erfüllt, die Ehebrecherin soll gesteinigt werden. Aber soll etwa an jener Strafbaren das Gesetz erfüllt werden von Strafbaren? Jeder von euch betrachte sich selbst, er gehe in sich, er besteige den Richterstuhl seines Geistes, er stelle sich vor sein Gewissen, er zwinge sich zum Bekenntnis. Er weiß ja, wer er ist, denn keiner von den Menschen weiß, was des Menschen ist als der Geist des Menschen, der in ihm ist3. Jeder, der sich selbst betrachtet, findet sich als Sünder. Ja, so ist es. Also entweder lasset diese gehen oder empfanget zugleich mit ihr die Strafe des Gesetzes! Würde er sagen: Die Ehebrecherin soll nicht gesteinigt werden, so würde er als ungerecht überwiesen; würde er sagen: Sie soll gesteinigt werden, so würde er nicht sanftmütig erscheinen; er sage, was er sagen soll, er, der sowohl sanftmütig wie gerecht ist. „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe zuerst einen Stein auf sie.“ Das ist die Stimme der Gerechtigkeit: Gestraft werde die Sünderin, [S. 519] aber nicht von den Sündern; erfüllt werde das Gesetz, aber nicht von den Übertretern des Gesetzes. Dies ist ganz und gar die Stimme der Gerechtigkeit. Von dieser Gerechtigkeit wie von einem balkenartigen Wurfgeschosse getroffen, blickten sie in sich selbst und fanden sich schuldig und „sie gingen alle, einer nach dem andern, davon“. Zwei blieben zurück, die Erbarmenswerte und die Barmherzigkeit4. Als aber der Herr jene mit dem Geschosse der Gerechtigkeit getroffen hatte, würdigte er sich nicht einmal, die Unterlegenen zu beachten, sondern mit einem von ihnen abgewandten Blick „schrieb er abermal mit dem Finger auf die Erde“.

1: Luk. 19, 10.
2: Exod. 21, 18.
3: 1 Kor. 2, 11.
4: Misera et misericordia.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger