{"id":8851,"date":"2019-06-13T13:51:13","date_gmt":"2019-06-13T12:51:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges?p=8851"},"modified":"2019-12-09T10:21:11","modified_gmt":"2019-12-09T09:21:11","slug":"1968-das-war-ein-jahr-in-dem-ich-mit-vielem-gebrochen-habe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2019\/1968-das-war-ein-jahr-in-dem-ich-mit-vielem-gebrochen-habe","title":{"rendered":"\u00ab1968 \u2013 das war ein Jahr, in dem ich mit vielem gebrochen habe\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><strong>Regisseur Wim Wenders kommt nach Freiburg: Der 1995 zum Ehrendoktor unserer Universit\u00e4t ernannte Deutsche zeigt am Donnerstag, 13. Juni 2019 um 19.30 Uhr in der Aula Magna seinen 2018 erschienenen Film \u00abPapst Franziskus \u2013 Ein Mann Seines Wortes\u00bb. Der Weltstar spricht im Interview nicht nur \u00fcber seinen Film und den k\u00fcrzlich verstorbenen Schauspieler Bruno Ganz, sondern erstaunlich offen auch dar\u00fcber, wie der Tod seines Vaters ihn zum Glauben zur\u00fcckgebracht hat. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Herr Wenders, in Freiburg wird Ihr Dokumentarfilm \u00fcber den Papst gezeigt. Worauf sollten wir uns besonders achten?<br \/>\n<\/strong>Eigentlich sollten Sie auf gar nichts achten, sondern sich nur einlassen. Was ja heute nicht selbstverst\u00e4ndlich ist. Viele Menschen haben den Film einfach nicht gesehen, \u00abweil der Papst drin vorkommt\u00bb. Da ist ihnen wegen ihrs Vorurteils eine \u00dcberraschung entgangen. Dieser Mann ruft zu einer moralischen Revolution auf, nicht nur unter Christen, sondern allen Menschen guten Willens. Das ist in der Tat hochpolitisch, heute mehr denn je, wo viele unserer \u201aWorld Leader\u2019 keinerlei moralische Autorit\u00e4t mehr darstellen.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/hswH-I-Kg90\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/Gsk8ILWxe7A\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><br \/>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>Was ist Ihnen aus k\u00fcnstlerischer Sicht speziell gut gelungen?<br \/>\n<\/strong>Ich wollte von Anfang an keinen Film <u>\u00fcber<\/u> den Papst machen, sondern einen <u>mit<\/u> ihm. Auch meine \u201aMeinung\u2019 \u00fcber den Papst fand ich unwichtig, Meinungen sieht man in jedem Fernsehfeuilleton, die sind \u201aim Dutzend billiger\u2019. Dieser Mann sollte so viel wie m\u00f6glich selbst zu Worte kommen, mit all den Themen, f\u00fcr die er steht. Ich habe mich ja auch selbst bewusst aus dem Bild genommen und komme als Fragesteller nicht vor, nur ein paarmal als Erz\u00e4hler. Ich dachte vielmehr: \u00abWenn ich schon mal das Privileg habe, Auge in Auge mit Papst Franziskus sein zu k\u00f6nnen, dann m\u00f6chte ich genau das mit dem Publikum teilen: diesen direkten Blickkontakt, diese N\u00e4he.\u00bb Also habe ich mir etwas ausgedacht, das es Franziskus erlauben w\u00fcrde, jedem Zuschauer ins Gesicht zu schauen, als ob sie alle auf meinem Platz s\u00e4\u00dfen. Das ging aber nur, indem ich selbst auf diesen Platz verzichtet habe, zumindest physisch. Der Papst sa\u00df deswegen vor einem gro\u00dfen Teleprompter, nur dass darauf nat\u00fcrlich nicht sein Text zu sehen war, er sprach ja v\u00f6llig spontan, aber eben mein Gesicht, als lebende Frage sozusagen. Und so schaut er jetzt jeden Zuschauer direkt an, indem wir beide zwar \u201aAuge in Auge\u2019 waren, aber eben durch diese Technik doch getrennt.<\/p>\n<p><strong>Sie haben ein ambivalentes Verh\u00e4ltnis zur katholischen Kirche, sind sogar aus ihr ausgetreten. Woher dennoch Ihr Interesse am Thema Religion?<br \/>\n<\/strong>Ich bin durchaus immer ein gl\u00e4ubiger Mensch gewesen, aber nicht unbedingt \u201areligi\u00f6s\u2019. Das ist gewaltiger Unterschied, und dazu sagt schon Paulus jede Menge in seinen Briefen. Aber es stimmt, ich bin 1968 aus der Kirche ausgetreten, damals als sozialistischer Student. Das war ein Jahr, in dem ich mit vielem gebrochen habe. Da ging alles M\u00f6gliche ab, da waren die Demos, da haben wir gegen Vietnam protestiert, unter anderem die Filmhochschule besetzt und nicht zuletzt die bestehenden Zust\u00e4nde unterwandert und nachhaltig ver\u00e4ndert. Danach ging das Filmemachen los, dann eine lange Psychoanalyse, was auch nicht gerade eine \u201areligi\u00f6se\u2019 \u00dcbung ist. Ich war damals auch viel in Japan und hab mich mit dem Buddhismus auseinandergesetzt. Aber bereits Ende der Achtziger bin ich in einem gro\u00dfen Bogen zum Glauben meiner Kindheit zur\u00fcckgekehrt, ausgel\u00f6st durch den Tod erst meines Bruders und dann meines Vaters, die beide im selben Jahr starben, 1989. Meinen Vater habe ich in den letzten Monaten begleitet. Er wusste als Arzt auf den Tag genau, wann er sterben w\u00fcrde, war dabei v\u00f6llig gelassen und angstfrei und ist dem Tod geradezu froh entgegengegangen, als der Verhei\u00dfung, die f\u00fcr ihn damit verbunden war. Das hat mich auf eine ganz existentielle Weise zum Glauben zur\u00fcckgebracht. Ein paar Jahre sp\u00e4ter bin ich auch wieder in die Kirche eingetreten, jedoch nach dem zwanzigj\u00e4hrigen Umweg nicht durch die katholische, sondern durch die evangelische T\u00fcr. Heute bin ich \u00fcberzeugter \u201a\u00f6kumenischer Christ\u2019.<\/p>\n<p><strong>Der k\u00fcrzlich verstorbene Schweizer Bruno Ganz war einer der Hauptakteure in Ihrem Film \u00abDer Himmel \u00fcber Berlin\u00bb, in dem er den Engel Damiel spielte. Was zeichnete ihn als Schauspieler aus?<br \/>\n<\/strong>Seine gro\u00dfe Herzlichkeit, Ehrlichkeit und geradezu fanatische Genauigkeit beim Erkunden eines jeden seiner Charaktere. Ich hatte das Privileg, dreimal mit Bruno arbeiten zu d\u00fcrfen. Er war mit Sicherheit der gr\u00f6\u00dfte deutschsprachige Schauspieler seiner Zeit, hat aber aus seiner ph\u00e4nomenalen Begabung nie ein gro\u00dfes Bohei gemacht, sondern war auch immer ungemein bescheiden und um das Wohl seiner Mitschauspieler besorgt, in der Weise, dass er sie auch immer zu H\u00f6chstleistungen mitgezogen hat.<\/p>\n<p><strong>An der Universit\u00e4t Freiburg gibt es mit Unicam das gr\u00f6sste Studierendenfernsehen der Schweiz. Wie erkl\u00e4ren Sie der Generation Y oder Z die Faszination f\u00fcr eine Kamera?<br \/>\n<\/strong>Diese Faszination mu\u00df man denen, glaube ich, nicht erkl\u00e4ren. Heute macht praktisch jeder Bilder und Filme und sendet sie sofort in die ganze Welt. Die Faszination der Kamera hat sich multipliziert, auch durchaus auf eine Weise, die man sich vor einem Vierteljahrhundert noch nicht vorgestellt h\u00e4tte. Erinnern Sie sich an das erste Telefon, das nicht nur eine, sondern auch eine zweite Linse hatte, die \u201anach hinten\u2019 losging? Ich glaube, das war ein Nokia. Damals wurde das vielleicht nur als ein Gimmick angesehen, aber die Selfie-Kultur, die das mit sich gebracht hat, hat auf jeden Fall unser Verst\u00e4ndnis von Photographie ver\u00e4ndert, letztendlich sogar unsere Gesellschaft. Heute hat ja jeder Mensch praktisch so eine Smartphone-Kamera bei sich, die eben in beide Richtungen Fotos schie\u00dft und filmt. Und ich denke mal, das \u201azweite Auge\u2019 wird mindestens so oft genutzt wie das erste, ist dabei aber ungemein narzisstischer ausgestattet als das erste, das sich mehr f\u00fcr die Welt interessiert.<\/p>\n<p><strong>Womit kann man Sie eigentlich begeistern?<br \/>\n<\/strong>Mit Musik (fast) jeder Art. Mit Malerei (fast) jeder Art. Mit Architektur. Mit Romanen. Mit Gedichten.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><span style=\"color: #ff9900;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li>Wim Wenders\u2019 <a href=\"http:\/\/www.wim-wenders.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Website<\/a><\/li>\n<li>Wim Wenders im Gespr\u00e4ch mit Roger <a href=\"https:\/\/www.srf.ch\/play\/tv\/schawinski\/video\/roger-schawinski-im-gespraech-mit-wim-wenders?id=3c4bcc2c-b751-4a8d-b3ed-9db9798fdd47\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Schawinski<\/a><\/li>\n<li>Wim Wenders auf <a href=\"https:\/\/www.srf.ch\/kultur\/film-serien\/filmfestival-zuerich\/wim-wenders-immer-unterwegs-aber-stets-bei-sich\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Radio SRF<\/a> im Rahmen des Z\u00fcrich Film Festival<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Regisseur Wim Wenders kommt nach Freiburg: Der 1995 zum Ehrendoktor unserer Universit\u00e4t ernannte Deutsche zeigt am Donnerstag, 13. Juni 2019 um 19.30 Uhr in der Aula Magna seinen 2018 erschienenen Film \u00abPapst Franziskus \u2013 Ein Mann Seines Wortes\u00bb. Der Weltstar spricht im Interview nicht nur \u00fcber seinen Film und den k\u00fcrzlich verstorbenen Schauspieler Bruno Ganz, sondern erstaunlich offen auch dar\u00fcber, wie der Tod seines Vaters ihn zum Glauben zur\u00fcckgebracht hat. Herr Wenders, in Freiburg wird Ihr Dokumentarfilm \u00fcber den Papst gezeigt. Worauf sollten wir uns besonders achten? Eigentlich sollten Sie auf gar nichts achten, sondern sich nur einlassen. Was ja<\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":8853,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":true,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[83,196,75],"tags":[1012,164,412,415,1151,256,264,1160],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8851"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8851"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8851\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9896,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8851\/revisions\/9896"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8853"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8851"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8851"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8851"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}